Alterserscheinung

Fallende Blätter

Blätter fallen, Bäume wachsen. – Gemächlicher Wandel in der Welt ist uns gnädige Chronographie. Milde und unaufdringlich scheint die Zeit an uns vorbei zu streichen. In der Schleierhaftigkeit des Gewordenseins überlässt sie uns gönnerhaft die Illusion des Momentanen.  Grausam dagegen greifen uns unbarmherzige Erscheinungen des Alters ans Herz, sobald wir uns unverhofftem Stillstand gegenüber sehen. – Angehaltene Zeit in totgesagten Parks, unversehrte Gedenkstätten unserer Jugend, ein übrig gebliebenes Fellini-Strandbad mit Lunapark, Jukebox und Granitaautomat.

In Zügen auf dem Bahnhof verkehren sich Welt- und Selbstwahrnehmung in irritierender Weise, sobald uns klar wird, dass es der »andere Zug« ist, der steht. Selbst unbewegt, doch »über die Physik hinaus«, sozusagen metaphysisch betroffen, suchen wir den Umsprung von wonnig gefühlter Trägheit in klirrend zur Kenntnis genommene Beschleunigung auszugleichen und kommen ins Schwanken, bisweilen zu Fall.

Nicht weniger bestürzend wird uns im Anblick unbewegter Weltstücke vor Augen gezwungen, dass die Zeit nicht beiläufig »passiert« und schadlos an uns vorüberzieht, sondern griffig an uns wirkt, der Wandel in uns wütet und wir die fliehende Masse in einem gnadenlosen Inertialsystem sind.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Fallende Blätter: Pixabay

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