Die schönen Künste

Die schönen Künste - Galerie
»Life imitates art far more
than art imitates life.«
(Oscar Wilde)

Kathartischer Schrecken

Poster Cinematographe Lumiere

Ein gemächlich einzockelnder Bummelzug passiert die, auf dem Bahnsteig stehende, Kamera in großzügigem Sicherheitsabstand, doch die Zuschauer hatten offenbar befürchtet, er könne sie überrollen. Das Entsetzen soll sich eine Weile gehalten, und die Gebrüder Lumière reich gemacht haben.

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Leben im Augenblick

Jenseits von Afrika (Setphoto)

Hoffentlich weit, ganz weit Jenseits von Afrika: »Das Leben im Hier und Jetzt.« Spiel, Satz und Sieg! Was für ein Abholer, was für ein Flachleger, welche Konsensgarantie. Auch die Mutti-Presse kann hier nicht mehr an sich halten: »Lebe den Moment!« – Doch Brigitte-Leserinnen aufgepasst: Im Augenblick zu vegetieren, ist das grauenhafte Los aller subhumanen Lebensformen.

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Sprachblasen

Seifenblasen

Von Gedankenschwere entlastet, lösen sie sich vom Grund, steigen auf und zerplatzen an der Oberfläche: Sprachblasen.

Anders als bei Sprüchen, darf hier nicht geklopft werden. Das leiseste Schnipsen an den Rand ihrer Welt, und schon hat man den Überblick verloren. Bloß keinen eigenen Beitrag leisten, und du wirst mit prickelnden Einzelheiten belohnt.◄

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Kunst im Purgatorium

Antonio Vivaldi

Zu »Klassik für Kleinbürger«- Samplern verpresst, sind Vivaldis »Vier Jahreszeiten« zum Trivial Pursuit schwerhöriger Konsumenten leichter Schonkost verkommen. – Mit »Vivaldi Recomposed« löst Max Richter unseren Ohrenschmalz und liefert die Totalsanierung eines großen alten Meisters!

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Heimkehr zum Ursprung

Nikolai Ge: Lew Tolstoi – Tretjakow-Galerie, Moskau

Alle schlechten Autoren sind einander ähnlich. Alle großen Schriftsteller sind grandios auf ihre eigene Weise.

Der lange tiefe Atem großer Erzähler bläht unsere schlaffen Segel und bläst uns aus kurzatmigen Handlungen weit ins Ozeanische hinaus. Die Heimkehr zum Ursprung ist das Abenteuer und alles Getriebe und Getreibe verherrlicht den Bestand.

»Aber warum nach Petersburg?« fragte Natascha plötzlich und antwortete selber hastig darauf: »Nein, nein, es musste so sein! Nicht wahr, Marie?«◄

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Im Wirken begriffen

Mark Rothko: Untitled (Gray, Gray on Red) – (1968)

Der rigorosen Verlegenheits-Nomenklatur zeitgenössischer Kunst folgend, heißt es: wer zuerst kommt, malt zuerst unter coolem Namen. »Metaphysische Malerei« war belegt, blieb für Rothko also nur Abstrakter Expressionismus oder Farbfeldmalerei. – Betreibt Tolstoi dann Buchsta­benkombinatorik, Mozart Frequenzmodulation und Hölderlin einen Zufallsgenerator?

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Zeitensucher

Müde Augen, schwere Lider, welch ein Blick. Marcel Proust um 1900.

Das schiere Volumen scheint den Leser zu drängen, ein forçiertes Lesetempo vorzulegen. – Ars longa, vita brevis. – Doch vor bulimischer Lektüre sei gewarnt: »All you can eat« bleibt selten »all you can keep«! – Slow Food ist freilich keine Lösung. – Den kleinbürgerlichen Genusserziehern scheint entgangen, dass sich Lust nicht konditionieren lässt. Beruhigt sie sich doch keineswegs in »bewusstem Konsum«, sondern allenfalls in der Ewigkeit.

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