Zaungast

Im Rückblick auf verschenkte Zeit,
Die nächste Chance unendlich weit,
Sind es die ewig gleichen Klagen
An letzten Sommerferientagen.

Ein Konjunktiv von Wirklichkeiten,
Flüchtiger Brand von dürren Scheiten,
Will mir wohl ernste Mahnung sein,
Dem Indikativ Gehör zu leih’n.

Trotz Reue ob der Möglichkeiten,
Die ich versäumt zu rechten Zeiten,
Folgt Vergeltung auf dem Fuße,
Fehlt doch ein Requisit zur Buße:

Bedarf’s zum Ende der Vergebung
Des Mittels freier Selbstumkehrung.
Allein, wie könnt’ ich der genügen;
Mit Realitäten mich begnügen?

Gelegenheit beim Schopf gepackt,
Freundliche Dämonen eingesackt.
Bedenk’ des Kairos’ Pünktlichkeit,
Die Welt ist nicht nochmal bereit.

Des Glückes harte Zwangsbedingung,
Sei eig’nen Mittuns Weltbezwingung;
Auf dass das Leben einst gelinge,
Will’s Eingriff in den Lauf der Dinge.

Doch scheint es keineswegs banal,
Dass der berühmten »Qual der Wahl«
Zugrundelieg’nde Doppeldeutigkeit
Verbirgt des Täters Grausamkeit.

Hier gilt ein Anhauch von Verachtung
Den Verächtern untätiger Betrachtung,
Die in brachialer Selektion entscheiden,
Welche Alternativen sie vermeiden.

Ideen, die im Keim erstickt,
Unreif in den Orkus geschickt,
Weltgeschichten abgeschrieben,
Glücksoptionen abgetrieben.

Im Belagern jeder freien Stelle,
Verdunkelt sich die Aussichtshelle.
In Aktuierung jeglicher Potenz,
Drängt Erntedank sich vor den Lenz.

Gebannter Zaungast echten Lebens,
Dem eig’ne Hoffnung bleibt vergebens,
Sieht im Funkeln all der Möglichkeiten,
Glanz im fahlen Licht von Wirklichkeiten.

Verstrickt in lose Handlungsstränge,
Gerät der Schwärmer ins Gedränge.
Es verliert aus scheuer Weltdistanz,
Der Modalitäten schroffe Relevanz.

Sein Leben rinnt durch off’ne Hände,
Die Phantasien füllen Bände,
Es ist sein selbstverschuldetes Gericht,
Der immerwährende Verzicht.

Doch ist es nicht der nahe Neid,
Der mich dem fernen Glück entzweit.
Sind’s ja die ausgefüllten Leben,
Die der Sehnsucht sich begeben.

So preise ich in schlichtem Reim
Mein reiches Wolkenkuckucksheim,
Entgegen aktivistischer Beschwerden,
Ist’s mir das Paradies auf Erden.

Zwei Jahrzehnte Fanemphase
Waren keine Eintagsblase.
Als treuer Trost im Zeitverflug
War Tocotronic mir genug.

Mild betrübt, versiert im Warten,
Im nassen Grass, im Schrebergarten,
Will ich in Nostalgie mich üben,
Schräg gegenüber,
Auf dem Hügel,
Drüben.

© 2020 Christoph D. Hoffmann

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