Im Wirken begriffen

Mark Rothko: Untitled (Gray, Gray on Red) – (1968)
Mark Rothko: Untitled (Gray, Gray on Red) – (1968) ⎜ 🔍 〖 〗
Consuelo Kanaga: Mark Rothko (1949)

Mark Rothko (1949)

Der rigorosen Verlegenheitsnomenklatur zeitgenössischer Kunst folgend, heißt es: »wer zuerst kommt, malt zuerst unter coolem Namen.« Metaphysische Malerei war belegt, blieb für Rothko also nur Abstrakter Expressionismus oder Farbfeldmalerei. – Betreibt Tolstoi dann Buchsta­benkombinatorik, Mozart Frequenzmodulation und Hölderlin einen Zufallsgenerator? – Möchte man Rothkos dräuende Wetter am Horizont der Profanität nicht lieber Eschatologische Spekulation, oder gemäß ihrer Wirkung Existenzielle Aspiration nennen?

»Siehst Du was?« – Der Schnelltest entlarvt zuverlässig Kiffer und Banausen, die abstrakte Kunst gern als Suchbilder gegenständlicher Mustererkennung betrachten. Der Schäfchenwolkengucker, der ich nun mal bin, möchte jedenfalls Red on Maroon auf dem Frontispiz einer bibliophilen Prachtausgabe von Dantes Commedia sehen. – »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate.«

Auch bin ich diesen dramatischen Texturverdichtungen gegenüber seelisch hilf-, und intellektuell machtlos. – Ein freies, sinnentlastetes Spiel von Farbe und Form? – Au contraire! – Ich kann mich nicht enthalten, in ihnen so etwas wie »semantische Densationen« zu sehen.

Aus Scheu vor Hybris mieden aristotelisch-scholastische Traktate »De forma et materia« stets den einen integralen blinden Fleck in ihrem Programm. Wohlweislich, und ums eigene Seelenheil besorgt, verweigerten sie vorsorglich jedwede Antwort auf (blasphemische) Fragen nach dem Prozesscharakter der Schöpfung.

Wie wird aus etwas, so etwas? – Wie formiert sich Amorphes um eine Idee herum? – Wie wirkt diese eine Form in willige Materie hinein? – Wie sähe ein solcher »Prozess der Information« aus?

Work in Progress – Hier könnte sich Rothkos Werk die Signatur der postreferentiellen, postsemantischen Post-anything-Moderne verdient haben. An deren hochfahrendem Verzichtsgebot auf jedweden Geltungsanspruch muss er jedoch scheitern. Es ist das Signifikat (des Werdens und Vergehens), nicht der Signifikant (sich vermeintlich selbst übermalender Muster) an dem das Sichtbares geschieht. Psychologismus und Rezeptionsästhetik kommen hier zu spät. – Rothkos Bilder wirken, weil sie das Wirken zeigen.

Ich kenne keine mystischen Erfahrungen!
Kenne ich mystische Erfahrungen?

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Rothko (Untitled): Flickr | Rothko Porträt: Wikimedia

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