Inferno der Seelenverwandschaft

Gustave Doré: Eingang zum Inferno
Gustave Doré: Eingang zum Inferno – Illustration zu Dantes »Commedia«.
Sandro Botticelli: Plan der Hölle

Sandro Botticelli: Plan der Hölle

Hart aber gerecht entsprechen einander die Topographie der Hölle und das Organigramm ihrer Belegschaft. Dantes Choreographie einer sortierten Inferno-Internierung suggeriert Verlässlichkeit, weckt Vertrauen in den rechtmäßigen Gang Der Letzten Dinge und wiegt uns in der vermeintlichen Sicherheit berechenbarer Verdammnis, da Naturrecht und Göttliches Gesetz in einem gleichmäßigen und gleichförmigen Buß-, und Strafregime übereinzukommen scheinen.

Doch, wie im Guten Gnade vor Rechte ergeht, so sind auch im Bösen Zweifel an einer formalistischen Prinzipienlösung angebracht. Wie im Himmel, so in der Hölle: es geht ad hominem. Eine blinde Justitia wägt und richtet ohne Ansehen der Person, indem sie aus dem Allgemeinen herab über das Besondere zu befinden beansprucht. Vor Dem Gericht jedoch wird einem jeden Einzelnen sein persönliches Einzel-Schicksal zugedacht. Ihm wird keine Urteilskraft gerecht, ihm gebührt ein höchstrichterliches Ur-Urteil.

Diese letzte Instanz scheut weder das Hundertste, noch das Tausendste, sie würdigt eine jede Berufung bis in deren unverwechselbare Individualität hinab. Das jüngste und letzte Kassationsgericht revidiert die vernünftigen Fehlentscheidungen rationaler Rasterfahndung und kassiert eine jede profane Einzelfallentscheidung, die jemals einer Regel gefolgt war. »Angemessen« erscheinen Strafe und Sühne hier nicht als gerechtes Resultat rigoroser und akribischer Kasuistik, sondern, wörtlicher und bildhafter als dem Einzelnen lieb sein mag, als das Ergebnis vortrefflich anmessender Maßschneiderei. In einem persönlich entlarvenden Outfit, passend wie angegossen, fährt der Verdammte ein. Dass sich in Dantes thomistischer Hölle gleichwohl Gleich und Gleich gesellen, ist mit Delinquenzkategorisierung und standardisiertem Strafvollzug, wenn überhaupt, nur unvollständig verstanden.

Vom lässlichen Selbstbetrug, mit dem wir um die nächste Ecke schleichen, bis zum elaborierten Großprojekt einer Lebenslüge, wir scheuen keinen Aufwand zu gewissenhaft-gewissenloser Selbstvermeidung. Wir schätzen gedämpftes Licht, betrachten uns in getönten Spiegeln, und wenn’s mal eng wird, ist rasch ein Schlimmerer gefunden, dessen Skandal für willkommene Ablenkung sorgt. Schwuppdiwupp haben wir uns wieder in die Büsche geschlagen und uns vorsorglich gegen herabsetzende Vergleiche verwahrt. Doch in den höllischen Gemeinschaftsunterkünften neigt Mt 7,3 (»Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?«) zu gruseliger Verselbstständigung: Der Balken im Auge unseres bösen Zwillingsbruders schlägt zurück und wird uns unversehens selbst übergebraten.

»Du und Deinesgleichen …« ist anschaulichere Anklage, als ein hilflos deiktisches »Du …«, da dort drunten bereits ein flüchtiger Seitenblick hinreicht, unsere eigene Abscheu zu wecken – man ist ja schließlich kritisch geblieben, ein Mensch von Stil und Geschmack, der mit ausgeprägtem Distinktionsbedürfnis etwas auf sich und seinen Abstand zu »denen da« hält.

Gustave Doré: Zug der Heuchler – Holzstich zu Dantes »Commedia, Inferno, Canto XXIII«

Gustave Doré: Zug der Heuchler

Als einzigartig gewürdigt worden zu sein und sich dennoch mit »denen da« in einen Topf geworfen zu sehen, geht über Gesichtsverlust und Deklassierung weit hinaus. Es ist die Hölle! Schluss mit splendid isolation! Finito mit den feinen Unterschieden! Vernichtend, diese Folter der Vergesellschaftung, lässt sich hier unten doch keine wohlfeil verdünnende Kollektivscham kultivieren, ohne sich in einem vernichtenden »wir« organisieren zu müssen. – Die Hölle ist keine moralische Anstalt, sondern ein ästhetisches Institut!

Wo Kafkas etikettierende Strafmaschine mit ihren aussagekräftigen Gravuren versagen müsste, wo sich all die spießenden, bratenden und siedenden Bemühungen in einer Climax phantasievoller Verschlimmerung verlaufen, ist profunde Verdammnis nicht auf äußere (vermeintlich göttliche) Grausamkeit angewiesen. In einem infernalischen Spiegelkabinett, als primus inter pares in seinem ureigenen Alter-Ego-Kaleidoskop, bleibt der autistisch Verdammte, bis ans Ende der Zeiten mit sich selbst und Seinesgleichen beschäftigt, zur Selbstgenügsamkeit verurteilt, von Selbsterkenntnis entsetzt. – Die Hölle, das sind die Anderen insofern sie uns gleichen!

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Dem steht eine Seinsweise verheißungsvoller Koexistenz gegenüber: »Dann wohnt der Wolf beim Lamm …« (Jes 11,6), und wir bei uns selbst und Unseresgleichen, in einem paradiesischen Befinden unverlogener Selbsterträglichkeit! Gelöst von zwanghaften Autismen wendet sich unser Blick nach außen, weist über uns selbst hinaus und vermag sich schließlich aufzurichten: visio beatifica.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Eingang zur Hölle: Wikimedia | Plan der Hölle: Wikimedia | Zug der Heuchler: Zeno.

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