Kunst im Purgatorium

Anonymus: Antonio Vivaldi (vermutet) - Museo internazionale e biblioteca della musica, Bologna.
Anonymus: Antonio Vivaldi (vermutet) - Museo della musica, Bologna ⎜ 🔍 〖 〗

Max Richters »Vivaldi Recomposed« stellt keine Renovierung, kein Aggiornamento von Vivaldis »Quattro Stagioni« dar. Es ist die Totalsanierung eines großen alten Meisters!

Der bedauerliche Titel »Recomposed« klingt bescheuert nach »Reloaded Remix«. Glücklicherweise jedoch ist er denkbar irreführend. Richters gewagtes Experiment ist weder eine ambitiöse »Nachdichtung«, noch eine kunsthandwerkliche »Variation über …«, oder gar eine bescheidene »Bearbeitung für …« und schon gar kein flauer soundsovielter Aufguss, sondern ein restauratorisches Reinigungsprojekt von akribischer Werktreue.

Verhunzt zu stimmungsaufhellender Fahrstuhlmusik und verkaufsfördernder Beschallung obszöner Einkaufserlebniswelten, versoundtracked, unzählige Male gewaltsam in den A… »gepopt«, auf neureichen Gartenfesten verscherbelt und zu »Klassik für Kleinbürger«-Samplern verpresst, sind Vivaldis »Vier Jahreszeiten« zum Trivial Pursuit schwerhöriger Konsumenten leichter Schonkost verkommen.

Mit schrägem Instrument lässt Richter vergilbten Easy-Listening-Firnis abblättern, spätromantisch hingeseufzte Abschwelgungen weichen krustige Jingle-Schematismen auf, die, behutsam abgezogen, den Klang bezaubernder Geheimnisse freigeben. Erfrischende Minimalisierungen kühlen die überhitzten Speedstreicherpassagen herunter, intelligent irritierende Dissonanzen enttäuschen die lähmenden Hörgewohnheiten, mit denen wir uns einer Freude beraubt hatten, deren ätherische Leichtigkeit unerhört an unserem Stumpfsinn reflektiert wurde. Getragene Melancholie löst den verklebten Ohrenschmalz und befreit von aller schmatzenden Gefälligkeit. Schwebende Sinuskurven beschwören Luigi Nonos »Atmendes Klarsein« und fegen das klebrige Vivaldi-Popcorn beiseite. Mit all dem Hörschmutz, der hier auf der Strecke bleibt, schwindet unser Schamgefühl bei diesem hemmungslos schwärmerischen Lustgewinn.

Schonungslos »werkgetreu« ist Richters Werk freilich deshalb, weil es, ganz dem puristischen Ethos des Restaurators verpflichtet, dauerhaft Zerstörtes nicht zuspachtelt, nachmalt, spekulativ rekonstruiert, sondern die Beschädigungen hörbar, die Lücken der Geschmacksverirrung fühlbar bleiben, und damit das Gerettete glanzvoll gelten lässt. – Wer möchte dem Archaïschen Torso Apollos seine Kopflosigkeit nachtragen? – »… und es kommt mir so vor, als wenn dieses Jahr länger als vier Jahreszeiten war.«

Daniel Hope mit dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin unter André de Ridder anhören, besser noch die sehr einnehmende Sayaka Shoji anschauen!

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© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Vivaldi: Wikimedia

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