L’art pour l’or

Simone Martini: Verkündigungstriptychon (Mitteltafel) – Uffizien, Florenz
Simone Martini: Verkündigungstriptychon (Mitteltafel) – Uffizien, Florenz ⎜ 🔍 〖 〗

Die größten Schätze finden sich in der Mitte. Bilder zum Ausklappen, den gründlicheren Studien anempfohlen. Mein erstes Centerfold war Simone Martini. Zwei Gründe, aus denen ich ihn ziemlich weit vorne sah: Erstens, wer mit diesem Vornamen Grundschule und Mittelalter durchsteht, muss ausersehen und zu Höherem berufen sein. Wen man zweitens derart riesige Tafeln aus purem Gold bemalen ließ, wird ja wohl auch vom Können her ganz schön was drauf gehabt haben.

Mit acht hatte ich vermutet, dass die Wichtigkeit der Figuren auf dem Verkündigungstriptychon von 1333 mit der Fläche übermalten Goldes zu tun haben müsse. Nichts gegen durchsichtige Gestalten, aber der kniende Gabriel unter prachtgoldenen Erzengelsschwingen, in seinen durchscheinenden Goldklamotten, könne Maria in ihrem deckend dunklen Mantel allenfalls den Zweig, doch keineswegs das Wasser reichen.

Das Machtverhältnis von bemalter Oberfläche und goldstrahlendem Untergrund hatte mich außerordentlich kribbelig gemacht. Wie wäre es gewesen, wenn Simone mit seiner Malerei einen gigantischen, hochhausgroßen Block massiven Goldes auf allen Seiten flächendeckend versiegelt hätte? Wenn überhaupt, hätte er – bloß zur Provokation – allenfalls auf einer der Ecken einen winzigen Stern von Bethlehem durch den Nachthimmel schimmern lassen. Würde man schiefe Türme gebaut und sperriges Fluggerät erfunden haben, nur um die Oberseite besichtigen zu können?

Natürlich wäre auch das klassische Problem der übermalten Schatzkarte zu berücksichtigen, oder man denke sich aus, jemand verputzt den Eingang zu Ali Babas Höhle und malt ein Bild darauf, das allen vierzig Räubern ihr »Sesam, öffne dich!« im Halse steckenbleiben ließe.

Hätte man mich nach dem Grund für meine Verzückung gefragt, ich würde bestenfalls ein Krächzen herausgebracht haben. Aufreizende Schadenfreude kitzelte mich bis in den Rachen hinauf. Verglichen mit Goldfingers plumperem Plan, durch radioaktive Verseuchung die Goldreserven von Fort Knox aus dem Verkehr zu ziehen, hatte sich Simone eine ungleich exquisitere Folter für all die Goldgierigen ausgemalt.

Man stelle sich ein giftig geiferndes Männchen mit terpentingetränktem Lappen in der zitternden Hand vor, wie es den Kopf in den Nacken legt und an dem himmelhohen Monolithen emporstarrt. Null-komma-kein Millimeter trennt es vom größten Schatz aller Zeiten. Es könnte, wenn es wollte, und es will ja auch. Mehr als alles andere auf der Welt. Aber ums Verrecken bringt es das nicht über sich.

Große Kunst hat neben Erbaulichem immer auch Demütigendes bei sich. Sie trägt dem Zwielicht der Erbsünde Rechnung. In Erhebung und Erniedrigung finden wir unsere Doppelnatur sortiert.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Verkündigungstriptychon (Mitteltafel): Wikimedia | Gesamtansicht: Wikimedia

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