Lebensmittelkunde

Kirchenfenster – Brot und Wein
Brot und Wein – Leib und Blut

»Alles Gute kommt von oben«

Nach längerer Liegezeit habe ich mir endlich mal Deinen Leküretipp zu Spaemanns und die entsprechende Kritik des Scholastikers vorgenommen und versucht, mir selbst ein wenig Grund in diesen doch reichlich irritierenden »multidimensionalen Sachverhalt« zu bringen.

Im Zentrum der katholischen Liturgie steht die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Unter der akzidentiellen Oberfläche des sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsbildes der eucharistischen Gestalten vollzieht sich deren substantielle Wandlung in den wirklichen Leib und das wirkliche Blut des Herrn. In der sogenannten »Transsubstantiation« verwirklicht sich die Realpräsenz Christi, der mit dem Gläubigen durch die Heilige Kommunion in unmittelbare Verbindung tritt. Wie man sich denken kann, ist dieses Geheimnis des Glaubens über die Jahrhunderte stets auch ein heiß umstrittenes »Geheimnis der Vernunft« gewesen.

Robert Spaemann (2015)

Robert Spaemann (1927 – 2018), origineller Denker, brillanter Schreiber, erzkatholischer Papstberater und knorrig-unabhängiger Querkopf legte 2014 (»Substantiation«, Communio 3/2014) mit einer irritierend grundsätzlichen Begriffskritik die Axt an die Wurzel katholischer Grundbestände und den Finger auf eine offenbar wunde und vollkommen ungeschützte Stelle des mysterium fidei.

Weder der metaphysisch nicht gerade selbstverständliche Prozess der Wandlung, noch der womöglich problematisch erscheinende ontologische Status des Herrenleibes geraten in Spaemanns Visier. Seine kritische Verkostung der vermeintlich voraussetzungslosen eucharistischen Ausgangsprodukte, Brot und Wein, führen ihn zu einem überraschend schroffen Urteil über das »leibhaftige Catholicissimum«.

Da es sich bei Brot und Wein keineswegs um natürlicherweise selbst(be)ständige Substanzen, sondern vielmehr um, vom menschlichen Herstellen abhängige, Artefakte handele, sei es unangemessen von einem Substanzenwandel, von einer Trans-Sustantiation zu sprechen. Es sei eine Substantiation, ohne Trans–, ohne Übergang, ohne Wandlung, durch die und mit der und in der sich das Allerheiligste (selbst) verwirklicht.

»Der Scholastiker«, ein außerordentlich produktiver, kenntnisreicher und cleverer Blogger zur Neo-Scholastik mit offensichtlicher Affinität zum analytischen Neuthomismus, pariert Spaemanns Kritik mit folgendem Argument:

»Er (Spaemann) vergisst aber zu sagen, was in diesem Fall von außerordentlich großer Bedeutung ist, dass alle Artefakte aus echten Substanzen hergestellt werden. Stahl, bzw. Eisen oder Steine sind echte Substanzen, ebenso wie der Marmor aus dem eine Statue gefertigt wird, oder eben auch die Weintrauben oder der Weizen, aus denen Wein und Brot hergestellt wird. Warum Spaemann darauf nicht hinweist, ist unklar. Hätte er diesen Aspekt berücksichtigt, dann wäre eine Umformulierung von Transsubstantiation zu „Substantiation“ nicht nötig gewesen und vermutlich hätte er sich den ganzen Zeitschriftenbeitrag ersparen können. Warum?«

Reverse Engineering?

Ich fürchte, dieser gewitzte Verteidigungsversuch der »Transsubstantiaton« (als Terminus) geht an Robert Spaemanns Argument, und dem Problem, das er mit seinem Aufsatz aufwerfen wollte, vorbei.

Spaemann geht es nicht in erster Linie um die Substanz-Akzidenz-Unterscheidung im Hinblick auf die Selbständigkeit der in-sich-seienden natürlichen Substanzen auf der einen Seite, und den zufälligen Akzidenzaggregaten menschlicher Artefakte auf der anderen. Vielmehr bezieht er die Substanz-Artefakt-Unterscheidung zum Einen auf Lebewesen, als dem paradigmatischen Beispiel für »Substanz«, die als solche von sich aus »auf etwas aus sind«, denen »es um etwas geht«, die »von selbst« Durst, Präferenzen und Aversionen haben, sich in bestimmter Weise fühlen, ja sogar ihrem Eigensinn folgen können. Zum Anderen, und wohlunterschieden davon, stehen der natürlichen Souveränität des Substantiellen mehr oder weniger funktionale technische Artefakte, wie etwa Autos gegenüber, die als solche auf gar nichts aus sein können, denen es um nichts geht, deren »Spritdurst« lediglich metaphorisch gemeint sein kann, und die Serpentinen und Le Mans weder mögen, noch scheuen können. Auch geht es hier nicht um die Differenz von Einheit (einer zugrundeliegenden Substanz) und Vielheit (der ihr mannigfaltig zufallenden Akzidentien).

Spaemanns Eucharistieproblem hebt vielmehr ab auf den Unterschied zwischen »teleologisch blinden« menschlichen Artefakten, und den, auf ein Ziel hin geprägten »finalisierten« Substanzen. Zwischen unausgerichtetem, oft auch desorientiertem, Menschenwerk und dem Allerheiligsten liegt im Wortsinne ein himmelweiter Abstand, den Spaemann nicht durch das überbrückende »trans« in der Transsubstantiation verkürzt sehen will. – Ein ganz starker Punkt, ein echtes systematisches Problem, bei dem das lediglich begriffliche »Reverse Engineering« (von der Oblate zurück zum Getreide) des Scholastikers nicht weiterhelfen kann.

Nebenbei hätte sich mit der Gleichschaltung von Artefakten und Substanzen – alles sei Substanz, nur eben mehr oder weniger abgeleitet, raffiniert und zusammengesetzt – eine sinnvolle begriffliche Unterscheidung durch Gleichmacherei erübrigt und sozusagen im zweifachen Wortsinne »egalisiert«.

Wenn man mit einer Engführung der Substanz-Artefakt-Unterscheidung arumentieren mag, dann wäre eine Verallgemeinerung »von unten«, über die Artefakte womöglich aussichtsreicher. Ich würde versuchen, Robert Spaemann – salva transsubstantiatione – wie folgt »abzuholen«:

Artefakt und Artefaktor

Jede Substanz, alle Substanzen, insbesondere und gerade die, vom Menschen weder behandelten, noch misshandelten, natürlichen Substanzen der geschaffenen Welt sind Artefakte. Freilich sind natürliche Substanzen ganz besonders anspruchsvoll ausgestattete Artefakte. Ihr »Artefaktor«, Gott, hat sie auf Ziele hin geprägt, sie so ausgerichtet und orientiert, dass sie ohne (vielfältig und zerstreut) hinzukommende funktionale (Eigenschafts-) Bestimmungen, von sich aus, und aus sich heraus, eine Tendenz, eine Richtung, »einen teleologischen Vektor« in sich tragen. Diese Privilegierung zum Selbst-sein-können verdankt sich eines willentlichen Aktes (der göttlichen Schöpfung alles Seienden). Diese »substantielle Ausstattung« lässt sich nicht verlustfrei in die Negation übersetzen, etwa als »nicht vom Menschen hergestellt, behandelt, verändert, modifiziert.«

Menschliche Artefakte sind demgegenüber vage, zufällig, »bestimmungsoffen«, und dementsprechend, ebenso bestimmungsbedürftig, wie akzidentiell qualifizierbar. Damit kommen sie auch in ihren vortrefflichsten Maserati-Exemplaren grundsätzlich niemals über ihr, von außen herangetragenes, »form follows function«-Prinzip menschlicher Expertise hinweg, und schon gar nicht hinaus! Bloße Funktion und Zweck-Dienlichkeit sind von richtungweisenden Zielen, maßgebenden Bestimmungen und existentiellen Destinationen strikt und unmissverständlich zu unterscheiden! – Da hat Spaemann ohne wenn und aber Recht! – Manche Dinge haben von Natur aus das gewisse substantielle Etwas, manche andere eben nicht!

Hierarchie und Weltordnung

Gut scholastisch gesprochen, dürfen wir hier von einer hierarchischen Seinsordnung genauso wenig absehen, wie von einer korrespondierenden Wertehierarchie, die anders als im tristen Hier-und-Heute nicht von utilitaristischen »Von-der-Hand-in-den-Mund-Erwägungungen« bestimmt wird. Manche Dinge werden von außen, von oben her, bestimmt und müssen gehorchen. Sie stehen in einem hierarchischen ordo mundi »tiefer« und »niederer« als andere, im ontologischen Ranking »höher« stehende Dinge, die sich selbst bestimmen und aus sich selbst heraus bestehen können. Sie besitzen in wohlbestimmten Grenzen und bis zu einem bestimmten Grade eine Souveränität, die sich über Fremdbestimmung erhebt. Der ultimative Cray-Rechner ist eben einfach eine armselige Entität, im Vergleich zu jedem einzelnen Colibakterium, das aus meinem A … kommt.

Gabenbereitung

Allerdings ist diese ontologische Differenz nichts Neues, insbesondere, wenn man vom Makro auf Weitwinkel stellt. Die eucharistische Wandlung ist kein isolierter Plopp, der hier und da und überall passiert. Auch ist sie kein willkürlich mahnendes Klingeling, das die Gemeinde aus ihrem sonntagmorgentlichen Schlummer weckt. Die Wandlung vollzieht sich innerhalb eines Plots, in dem ihr Ereignis allererst Sinn und Bedeutung gewinnen kann. Im Offertorium bringen wir unsere Gaben dar und bitten um deren Erhebung und Heiligung. Wir wissen um die Defizienz dieser Gaben, deshalb sagen wir ja auch »damit sie werden …« und nicht »weil sie sind«.

Hostien und Wein

Hostien und Wein

Das liturgische Wandlungsgeschehen ist »theatralisch« zu verstehen, als eine Geschichte in mehreren Akten. Die Gabenbereitung zielt auf eine (nachträgliche) Ausrichtung, Orientierung und Finalisierung der Früchte unserer Arbeit durch Gottes Hilfe, und (erst) in einem weiteren Schritt auf deren Wandlung in den Leib des Herrn. Mit der »Erhebung der Herzen« erhoffen wir zugleich die Erhebung unsrerer artifiziellen, ungerichteten, teleologisch blinden Gaben zum substantiierten »Eucharistischen Brot«, und dann (erst) kommt der wirkliche Hit, der verwirklichende Hit, die Epiklese, der Heilige Geist und so weiter …

Spaemann hat Recht mit seiner Betonung der ontologischen Differenz zwischen teleologisch neutralen Artefakten des Menschen und den wohlorientierten Artefakten Gottes, den natürlichen Substanzen, die uns ontologisches Vorbild sind. Aber kümmert sich die Liturgie nicht auch um die Erhebung unserer Artefakte in den (»Lehens-) Stand des Substantiellen«, bevor ihr die eigentliche Wandlung ins Allerheiligste angedeiht?

Nachtrag

Ich gewinne immer stärker den Eindruck, dass Spaemann mit seiner Substantiation »scharfsinnigerweise« recht hat, doch mag ich noch nicht von meiner »Aufwertungsgeschichte« über die Gabenbereitung lassen.

Die Heiligung von Leib und Blut kann man schon in ihrer »Sprunghaftigkeit« einer »creatio ex nihilo«, einer voraussetzungslosen »Substantiation“ betonen, bevor man mit der Rede von Form-»Wandlung« die Kontinuität von-unten-nach oben, die »Konsekration des Weltlichen« insinuiert. Die »konservative Intervention« des Scholastikers kommt doch etwas überspitzt daher und will Spaemanns scharfsinnige Idee noch scharfsinniger parieren – doch hieß es nicht umsonst »die allzu spitz sind stechen, und brechen ab sogleich …?« Der Rechthaber mag Recht behalten, der Spaemannschen »Sache« wird er dadurch nicht gerecht!

Zur Rettung der Transsubstantiation »von unten« und aus ihrer »Vorgeschichte der Gabenbereitung« heraus, in der die Wandlung durch die Barmherzigkeit vorbehaltlosen Gebens (nicht Tauschens!) vorbereitet, vielleicht besser »angedient« wird, habe ich ein »wunder-« schönes, um nicht zu sagen »herrliches Argument« von Trakl gefunden, das ganz im Prolog der Gabenbereitung spielt:

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Erst kommt die erbetene Heiligung, die »Würdigmachung«, sagen wir die »substantielle Aufwertung«, der freiwilligen Liebesgaben unserer Barmherzigkeit, dann erst erfolgt über diesen »angedienten« caritativen Gaben (nicht etwa den Reverse-Engineering-Produkten des geschätzten »Scholastikers«) die eigentliche, durchaus unselbstständige »Erhebung in den substantiellen Stand«, eine Nobilitierung, die unmissverständlich »von oben herab« erfolgt und ein »Von-unten-nach-oben« bewirkt, von dem aus schließlich, cum grano salis, von einer »Wandlung« gesprochen werden könnte.

Die Reichweite des mysterium fidei würde durch ein solches Verständnis freilich beträchtlich erweitert. Nicht nur räumlich, sondern vor allem auch zeitlich. Dem instantan-zeitlosen Geschehen der Transsubstantiation ginge eine Geschichte der Substantiation voraus, die weit und grenzenlos, um nicht »kolonisierend« zu sagen, in die »Interessengeschichten unserer Lebenswelt« hinein ausgreift.

Von einer »Verweltlichung des Sakralen« kann hier freilich keine Rede sein, geschweige denn von irgendwelchen entmythologisierenden Trivialisierungen ins Altruistische, ins Sozialdemokratische, ins Zwischenmenschliche, am allerwenigsten in die gottlosen Seuchungen populistischer Kirchentage hinein.

Survival Kit oder Realpräsenz des Lebens?

Trakls »Winterabend« gilt als artiges, formal konservatives Beispiel (s)eines »angefochtenen« Katholizismus’. Das Gegenteil ist der Fall. In Wahrheit ist es der Katholizismus (Trakls irritierend empfindlich  und damit äußerst feinfühlig reagierender Katholizismus), der die Profanität des gesunden Menschenverstandes, des vordergründig Sittlichen, des prinzipiell Moralischen, des »Gutmenschlichen« anficht. Nicht die gute Tat heiligt die Idee, die sie dazu anstiftet haben mochte. Vielmehr erhebt die Idee die Tat, die ihr folgt.

Hier tut kein guter, gnädiger, gönnerhafter Gastgeber irgendetwas selbstverdienstlich Gutes (gute Werke allenfalls ;-)). Im Gegenteil:  Golden blüht der Baum der Gnaden und überwindet jede noch so schmerzversteinerte Schwelle. Auch ohne »blau«, »blutend«, »waid«, »wund« und »Wild« ist Trakls »Winterabend« ein umstürzlerisches Gedicht, weil es das »Sein« vor’s »Sollen« stellt. Zumindest hier könnte unser Meister Spaemann beistimmen.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
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