Song des Tages

Billie Holiday - Song des Tages
Billie Holiday im Downbeat Club, New York 1947

Joni Mitchell: Both Sides Now

Album: Both Sides Now (2000)


Alle Jahre wieder bekommt der Song einen weiteren Schubs, wenn der unvermeidliche Weihnachtsfilm »Tatsächlich… Liebe« (Love, Actually) läuft. Eine seichte, aber doch ganz nette Episoden-Romcom mit ansprechendem Soundtrack. Emma Thompson outet sich ihrem Mann Alan Rickman gegenüber als lebenslanger Fan: »Joni Mitchell tought your cold english wife how to feel«. Der merkt sich das, denn in der Vorweihnachtszeit hört man lieber mal hin. Sie entdeckt allerdings eine Halskette, die, so glaubt sie, ihr zugedacht sei.

Am Weihnachtsabend kommt es dann freilich dicke. Sie öffnet ein Päckchen im gleichen Format und sieht (nur) … Joni Mitchells »Both Sides Now«. Alan Rickmans unbeholfene Erläuterung »…to continue your emotional education« treibt ihr das Wasser in die Augen, denn jetzt ist es raus: wer kriegt nun wohl die Kette? Es bleibt der empathische Beistand einer weisen, durch alle Wetter des Lebens gegangenen Frau mit ihrem abgeklärten Song, der seit Jahrzehnten geplagten Damen im schwierigen Alter bei der Lebens- und Liebesbewältigung zum Trost gereicht: Anderen geht’s auch nicht besser.

Midlifemadrigal, Klimakterialkantate oder, man soll ja nicht ätzen, die schwermütige Bilanzballade par excellence ist mit Erscheinen zur Jahrtausendwende schon über dreißig Jahre im seelsorgerischen Einsatz. Sie wurde erstmals auf JMs zweiten (Durchbruchs-) Album »Clouds« (1969) als eindringlich schlichter Graswurzel-Folksong veröffentlicht und zog mit 1675 belegten Coverversionen und zahlreichen Fassungen von JM selbst weite Kreise.

Die erste Version mag, von einem Twenty-Something-Hippie gesungen, etwas altklug rüberkommen und mutet mit dem klaren und hellen Sopran vielleicht auch etwas scharfkantig an. Erheblich tiefer und altersbedingt nachgedunkelt wirkt nicht nur die Stimme, der ganze Habitus in JMs 2000er Aufnahme scheint düsterer, belegter und damit deutlich glaubwürdiger für einen Abgesang auf jugendliche Frühlingsträume. Auch das beidseitige (auf dem Backcover zeigt sich JM von der Rückseite) Selbstporträt ist auf den Punkt. Es wirkt, wie in einen Hopper reingezoomt, fatalistisch und desillusioniert, dabei aber auch so tapfer lebenmüde, dass sich in das Mitgefühl ein gewisser Respekt mischt.

Opulent orchestriert beginnt ein konzertierter Frontalangriff auf die Tränendrüsen. – Joni Mitchel berichtet in einem Interview mit Elton John (ab 13:14 zu Both Sides Now), die unterkühlten britischen Philharmoniker hätten während der Aufnahme geweint. – Auf Wirkung bedacht werden die weichen Stellen beknetet und der Song treibt scheinbar unausweichlich auf kitschige Untiefen zu. Doch nach gut der Hälfte kommt bei 3:04 ein kluger Lotse an Bord. Wayne Shorter nimmt mit seinem Tenorsaxophon das Thema auf und das Steuer in die Hand. Auch wenn er noch einmal zurücktritt und den dramatisch anschwellenden Streichern vorübergehend das Feld überlässt, bleibt er präsent, wechselt zum Sopransaxophon und beginnt mit einigen wohlgesetzten Kurskorrekturen die Richtung des Songs zu drehen und damit dessen Gesamtcharakter komplett zu verändern.

Mit ein paar spitzen, geradezu schnippischen Marginalien setzt er der anflutenden Gefühligkeit einige ernüchternde Tautologien entgegen, die den Hörer wieder in die Spur bringen. – C’est la vie’S is wie’s isWas muss das mussWas hattet ihr erwartet? – Man ist geneigt, die façon wieder zu gewinnen, Haltung anzunehmen und sich wieder einzukriegen. Mit einem würdevollem Finale, nun wieder mit Tenorsax, erscheint das stark gesüßte Selbstmitleid derart gefasst und episodisch eingefriedet, dass man sich in versöhnlicher Distanz noch einmal zurückwenden möchte, nicht ohne sich in milder Ironie selbst zu beschmunzeln.

Ohne Wayne Shorters lebensweisen Kommentar erschiene das Lied als, zugegeben wirkungsvolles, sentimentales Rührstück. Mit seinen klugen Anmerkungen betrachten wir eine Anwandlung, die man sich gelegentlich leisten sollte und die durchaus auch einen großen Song wert ist.

Kim Gordon: I Don’t Miss My Mind

Album: The Collective (2024)


Wieviel Kim und wieviel Thurston steckte in Sonic Youth? Die Frage kann man sich anlässlich des neuen Soloalbums von Kim Gordon mal wieder stellen. Die irre verstimmten Moore-Gitarren fehlen, aber auch ohne das hektische Fast & Furious Geschredder klingt die Platte durchaus vollwertig und ungeschmälert nach dem hippen Vernissagerock von einst, ohne jedoch in nostalgisches Ü70 Revival oder grummeligen Alterstrotz zu verfallen.

»Noise-Rock« lautete die Fremd-, »No Wave« die Selbstzuschreibung der musikalischen Avantgarde der frühen 80er. Witzig, ironisch und durchaus treffend, denn gewissenhaft wahrten die autonomen Geräuschemacher dissonante Distanz nach allen Seiten. Auch wenn man die Platte nicht unbedingt abendfüllend hören muss, erinnert Kim Gordons Neue an diese erfrischende 360°-Gefälligkeitsverweigerung und ruft eine linke Intellektualität, ein »wokes Zeitgefühl« und eine freisinnige Unbotmässigkeit ins Gedächtnis, bevor derlei Befremdliches in der verkniffenen Kleinbürgermissgunst und dem streberhaften Moralismus neulinker Fleißsternchensammler versumpfte.

Urbane Coolness statt provinzieller Spießigkeit und piefiger Schrebergärtnermentalitität. Selbstredende Lakonie statt aufgesetzter Betroffenheitsgesten. Eine eigensinnig spröde Selbstständigkeit, die sich nicht den konformistischen Tautologien biederer Normgesinnung unterordnet. Links mit Stil und Esprit, doch, das geht immer noch, wenn man erstmal den 70sten hinter sich hat und es sich leisten kann, jenseits von Gut und Böse zu manövrieren.

Klaus Nomi & Nanette Scriba: The Cold Song

Henry Purcell: King Arthur, 3. Akt (1691)


Leben ist Leiden. Konsequent erscheint der Wunsch nach einem raschen Ende. Verzweifelter jedoch ist die Klage, überhaupt geboren worden zu sein. Ein uraltes Motiv von Homer bis Hiob, von Milton bis Mary Shelley, das im Vorwurf an den Schöpfer, gar in der Verfluchung dessen gipfelt, der einen in ein elendes Dasein gezwungen hat.

Bibbernd, schluchzend, wenn nicht gar in todessehnsüchtiger Schnappatmung, beklagt Purcells Cold Genius (der Frostgeist, ein einsames Wesen aus dem Eis) sein tiefgekühltes Dasein. Die Arie »What power art thou« ist eine Nummernarie aus der sogenannten Semi Opera »King Arthur, or The British Worthy«, die sich weitgehend selbstständig gemacht hat und neben einem weiteren Klagelied, Dido’s Lament (»When I am laid in earth«)*, aus »Dido and Aeneas« zu Purcells bekanntesten Vokalstücken gehört.

What power art thou, who from below
Hast made me rise unwillingly and slow
From beds of everlasting snow?
See’st thou not how stiff and wondrous old
Far unfit to bear the bitter cold,
I can scarcely move or draw my breath?
Let me, let me freeze again to death.

Die britische »Semi-Oper« ist, ähnlich wie das deutsche »Singspiel«, eine Mischform von gesprochenem und gesungem Text. Während das Singspiel einen Erzähler oder einzelne Sprechrollen enthält (etwa den Bassa Selim in Mozarts Entführung), liegt bei der semi opera das Schwergewicht auf dem Sprechtheater, das streckenweise durch einem »Soundtrack« untermalt und mit aufwändig gestalteten Tanz- und Gesangsnummern aufgelockert und angereichert wird. Der eher lockere Zusammenhang mit dem dramatischen Geschehen begünstigt das musikalische Exzerpt und gerade in diesem Fall die Auskopplung eines One-Hit-Wonders aus einem insgesamt doch recht sperrigem Abendfüller.

Aus dem Zusammenhang gerissen bleibt der Hörer freilich in eisiger Depression befangen, während die schaurige Daseinsklage eigentlich in eine rührende Frühlingsszene eingebunden ist, die einem weiteren Allmachtsbeweis der Liebe dienen soll. Cupido hatte nämlich den Eismann aus der Kälteschlaf geweckt, taut ihn schließlich vollends auf und läßt ihn erkennen: Omnia vincit amor, hurra, hurra, der Frühling ist da:

’Tis Love, ’tis Love, ’tis Love
that has warm’d us.
In spite of the weather
He brought us together.
’Tis Love, ’tis Love, ’tis Love
that has warm’d us.

Ein recht gute deutsche Übertragung scheint mir Nanette Scriba gelungen zu sein.

* Alle große Stimmen haben Didos Klage gesungen, weniger bekannt, aber hörenswert wie alles von ihm, ist die Fassung von Jeff Buckley.

© 2023 Christoph D. Hoffmann
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Billie Holiday: Wikimedia

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