Mei Semones: Zehn Songs
Album: Animaru (2025)
Das vor drei Tagen erschienene, unglaublich brillante Debütalbum einer 24-Jährigen, die mit unüberhörbarer Höchstbegabung zehn Jahre an Übersicht und Souveränität überholt zu haben scheint, macht mir die Auswahl eines einzigen Songs unmöglich. Zu meiner Entlastung deshalb im Anschluss ausnahmsweise die komplette (rechts oben anwählbare) Album-Playlist mit zehn Songs des Jahres.
Eine absolut eindrucksvolle Platte, die von originellen und gewitzten Einfällen, beeindruckender Virtuosität (sowohl gesanglich als auch auf diversen Gitarren) und unwiderstehlichem Charme nur so sprüht. Der völlig unbekümmerte, kühne, manchmal wilde Eklektizismus ist atemberaubend, gewagt, doch sind all die schillernden Überraschungen, die hinter jeder Ecke lauern, mit ebenso verblüffender Umsicht gehandhabt und stets in makellose Arrangements gefasst, deren planvolle Balance sich freilich meist zum Schluss erweist.
Luftige Bossa Nova Anklänge und Astrud Gilberto Reminiszenzen (vor allem in »Tora Moyo«) werden von griffigen Indierock-Riffs geblockt, die ein bisschen an Veruca Salt zu besten Zeiten erinnern (etwa im Titelsong »Animaru«, der japanischen Aussprache von »animal«). Unbefangene J-Pop-Passagen werden mit kultiviertem Kammermusik-Jazz aufgewertet. Eingängige Popsongs beschleunigen unversehens in Hochgeschwindigkeits-Scatgesang, um dann weich in einem einladenden Streicherbett zu landen.
Man könnte argwöhnen, hier habe die Absolventin eines Elite-Konservatoriums (Berklee College of Music) ihren Showroom überragenden Könnens eingerichtet. Aber von nerdiger Streberhaftigkeit ist nicht die Spur zu hören. Eher klingt der rasante Parforce-Ritt nach: »Sie ist jung und brauchte den Kick«.
Spritzig anregende und vollkommen unbemühte Intellektualität, geistige Erfrischung auf höchstem Niveau und ein musikalischer Hochspannungsplot mit reichlich Suspense. Das nötigt weniger den geschuldeten Respekt ab, das macht die reine Freude und lässt einen ins Grübeln kommen: »Wie ging das gleich nochmal mit dem Kulturpessimismus?«
© 2023 Christoph D. Hoffmann
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Billie Holiday: Wikimedia

