Take five!

Filippino Lippi: Triumph des hl. Thomas von Aquin über die Ketzer – Fresko in der Carafa-Kapelle (1489–1491) in Santa Maria sopra Minerva, Rom
Filippino Lippi: Triumph des hl. Thomas von Aquin über die Ketzer (1489–1491) – Fresko in Santa Maria sopra Minerva, Rom ⎜ 🔍 〖 〗

Warum fünf?

  • Ad primae partis quaestionem II

  • De Deo: An Deus sit. – Über Gott: Ob Gott sei.
 

»Respondeo dicendum quod Deum esse quinque viis probari potest.« (ST I, q. 2, a. 3 co.)

Warum sind es ausgerechnet »fünf Wege«, auf denen uns Thomas Gottes Existenz »anprobieren« will? Würde sich das stärkste und überzeugendste Argument als unüberwindliche Phalanx im Zentrum der Verteidigungs-, oder lieber Angriffslinie, alternative Varianten allenfalls flankierend zur Seite gestellt, nicht stichhaltiger ausnehmen, als ein Beweispotpurri zur Selbstbedienung, aus dem wir unseren Stich selber ziehen dürfen/können/müssen? – Und was hat es mit dem eigentümlichen »Beweisanspruch« der probatio auf sich?

Zwar nimmt der erste Weg (Der unbewegte Beweger) deutlich mehr Raum ein, als das abschließende Argument aus der Zweckbestimmung. Eine inhaltliche oder argumentative Gewichtung der fünf Wege springt aber vor der Hand keineswegs ins Auge, und es fragt sich, wie wir das Corpus des dritten Artikels lesen sollen:

  • Einer wird’s schon richten! – Wir gehen den Artikel entlang, und werden, wenn nicht den einen, dann schon den anderen Beweisgang überzeugend finden.
  • Fachsache! – Die Argumente nehmen Ausgang von ganz unterschiedlichen Wissensformen, Fachgebieten und Fragestellungen, es ist also für jeden Spezialisten was mit dabei.
  • Geschmackssache! – Such’ dir was nettes aus.
  • Doppelt genäht hält besser! – Etwa verbliebene Restzweifel werden im zweiten Argumentationsgang bereinigt.

Die Qual der Wahl eines Lieblingsweges bleibt uns erspart, wenn man ST I, q. 2, a. 3 nicht als fünf unabhängige Beweisverläufe, sondern als einen einzigen fünfteiligen Argumentationsgang betrachtet, als Begründung aus dem »Wesen der Begründung« oder kurz als:

Eine Begründung aus Der Begründung

Ausgangspunkt sind keine konkreten Begründungsanfänge, in Gestalt eines Behauptungssatzes, Postulates oder Axioms, sondern fünf Begründungsformen (oder »Begründungsschemata«) mit jeweils weit ausgreifenden Anwendungsbereichen, weitreichendem Phänomenspektrum, breit gefächerten Interessengebieten und, zusammen genommen, einer beeindruckend flächigen Weltabdeckung.

Mir scheint, dass Thomas sich auf der inventorischen Suche nach einer geeigneten Begründungsbasis (bzw. mehreren Begründungsbasen; je nach Lesart) für seine(n) Gottesbeweis(e) nicht etwa durch scholastische Spitzfindigkeit hat leiten lassen, die wohl sicher auf den günstigsten Topos, den vorteilhaftesten Gemeinplatz, die glaubwürdigste Basisbehauptung, die cleverste Zweifellosigkeit gezielt hätte.

Sehr viel allgemeiner fragt Thomas: »Wo und in welchen Zusammenhängen finden Begründungen überhaupt statt?« – »Wie laufen Begründungen generell ab?« – »Wie kommen Begründungen regelmäßig zu einem befriedigenden Ende?« Mit diesen Fragen ist Thomas eher wissenschaftstheoretisch als wissenschaftlich, eher argumentationstheoretisch-topisch, als rhetorisch-polemisch unterwegs.

Wir sehen Bewegung in der Welt. – Thomas hat hier kein idealtypisches »Billard-Modell der Bewegung« vor Augen, das sich auf die Ortsveränderung beweglicher Körper in einem festen Bezugssystem beschränkt. Gut aristotelisch fasst Thomas »Bewegung« (motus) in einem sehr viel weiter reichenden Sinne. Sie ist in jeder Veränderung, in allem Entstehen und Vergehen, in jeglichem Wachsen, Gedeihen und Verderben am Werk. Der »Motus« des ersten Weges wird nicht in Laboren beobachtet, sondern er passiert überall, er umgibt uns nicht nur, wohin wir auch (mit unbewehrtem Auge) blicken, er findet ebenso in uns, wie durch uns statt.

So persönlich angesprochen, ist es schön zu hören, dass Thomas von Aristoteles nicht nur für den weiteren Bewegungsbegriff im Allgemeinen, sondern auch für die bewegten Gegenstände im Besonderen, ein sehr viel anspruchsvolleres Verständnis übernommen hat, als es uns heute geläufig ist. Jede Bewegung »aktualisiert« (pingeligerweise müsste man speriig von »Aktuierung« sprechen), eine von vielen Möglichkeiten (hin) zu einer Veränderung.

Es werden keine passiven Impulsempfänger, dem obersten Gebot ihrer Trägheit gehorchend, herumgeschubst, vielmehr haben wir, sowohl an uns selbst, als auch bei allen uns umgebenden Gegenständen, in jeder Veränderung eine Möglichkeit (potentia) im (in actu) und nach (actualiter) dem Prozess ihrer jeweiligen Aktualisierung/Aktuierung  zu sehen. Alles Wirkliche ist verwirklichte Möglichkeit. Eine ruhende Welt ist eine Welt in Spannung und Erwartung. Ein jeder Ruhezustand besteht aus »Dingen auf dem Sprung«, alles was ist, ist vital und spannend gedacht, auch wenn sich gerade mal nichts zu tun scheint.

Fragen wir nun nach dem »Anstoß« zu einer Bewegung, einer Veränderung in der Welt, würde uns das Bild klackend kollidierender Zelluloidkugeln auf grünem Filz oder Kolonnen kippender Dominosteine auf die falsche Fährte führen. Die Rede von »Anregung«, ja sogar von »Belebung« läge dem aristotelisch-thomistischen Bewegungsverständnis näher. In jeder Bewegung liegt sowohl die »Wahl« aus mehreren, meist einer weiten Vielfalt von alternativen Möglichkeiten, als auch eine Tendenz, eine Richtung dieser Bewegung auf etwas hin und zu. Ein Beweger wählt aus einer »Wolke der Potentialität« die zu aktualisierende Möglichkeit, und bringt sie als ein Bewegtes auf ihren Weg, und damit in eine bestimmte Richtung. In Bewegung und Veränderung werden, sich bereithaltende, Seinsmöglichkeiten aus ihrem passiven Warte-, oder Schlafzustand gewissermaßen zur Wirklichkeit geweckt.

Im Gegensatz zur Kollision toter Körper und der Kausalitätsrelation zwischen möglichst interpretationsneutral, inhaltsleer und sinnfrei zu beschreibenden Ereignissen und Zuständen, erzählt hier jede Bewegung sozusagen eine »Natur-Geschichte«, die sich durchaus auch über mehrere Generationen erstrecken kann, wenn etwa der Beweger eines Bewegten wiederum selbst bewegt wurde.

Thomas fragt nach dem »Grund«, nicht nach der »Ursache« einer Bewegung, ihn interessiert das »how comes« bemerkenswerter Weltverändungen, und er erwartet als mögliche sinnvolle Antworten auf diese Frage keine Raumzeitkoordinaten, sondern »Episoden einer Bewegungsgenalogie«. Eine solche Geschichte mag bisweilen lang und umständlich sein, doch ohne ein sinngebendes Ende ergäbe sich keine sinnvolle Geschichte. – Wäre Anna K. nicht unter die Räder gekommen, dann einer der größten Romane der Weltliteratur.  – Eine Antwort nach dem »woher« einer Bewegung muss in und aus dem Ende der Begründungs- und Bewegungskette ihre Aussagekraft gewinnen. Wollen wir uns nicht in endlosem Rückschritt, in einem regressus infinitus verlieren, müssen wir einen ersten unbewegten Beweger annehmen.

Thomas schlägt natürlich keinerlei willkürlichen Begründungsabbruch vor. Das wäre ja Dogmatismus! Dogmatik jedoch ist nichts anderes als Aufklärung im Sinne der Meinungskritik. Kein Dogma kann freilich das willkürliche Weiterfragen verbieten oder verhindern. – »Warum, warum ist die Banane krumm?« – Übermüdete Kinder, hyperaktive »Gehirne im Tank«, skeptisch-besserwisserische Nervensägen, der zunehmend nerdiger und bizarrer anmutende Mindfuck (großer Teile) der angloanalytischen Philosophie führen sich ohne äußeren Beistand von selbst ad absurdum. Begründungen kommen an ein Ende, oder sie kommen gar nicht erst zustande. Begründungen sind effektiv (entscheidbar) und finit, oder sie begründen gar nichts. – Soviel Erlanger Schule steckt allemal noch in mir.

»Deshalb ist es notwendig zu einem ersten Bewegenden zu gelangen, das von nichts bewegt wird, und das verstehen alle unter »Gott«.

»Ergo necesse est devenire ad aliquod primum movens, quod a nullo movetur, et hoc omnes intelligunt Deum.« (ST I, q. 2, a. 3 co. – erster Weg)

Die Pointe von Thomas’ Argument liegt in seinem strikten und konsequenten »Schematismus«. An keiner Stelle behauptet Thomas, dass dieses oder jenes Ereignis von besagtem ersten Beweger induziert, angeschubst, oder ausgelöst worden sei. Schöpfungsgeschichtliche Spekulation hat in Thomas Beweisgang nichts zu suchen. Wohl aber diese Leerstelle, dieser Platzhalter eines notwendigen Begründungsanfangs, ohne den sich sinnvolle Rede in leerlaufendes Gebrabbel verabschieden würde. Ohne einen abschließenden Begründungsanfang, kein Ende der Begründung! Andernfalls würde sich sinnvolles Fragen und Antworten in unerfreuliche Geräusche, wie die einer hängengebliebenen Schallplatte, verlieren.

Nicht zuletzt Thomas’ intellektuellem Rüstzeug ist es zu verdanken, dass sich die Kirche nicht mit irgendwelchen kosmologischen Spinnereien lächerlich gemacht hat. Im Gegensatz zu den bibeltreuen Schriftgelehrten eines fundamentalistisch-evangelikalen Protestantismus hat die Kirche keine wirren Berechnungen über das Alter der Welt angestellt. Die kommen durch Addition der Lebensalter sämtlicher in der Bibel erwähnter Generationen auf roundabout 6000 Jahre. Immerhin! Da haben aber vor allem die langlebigen Patriarchen des Alten Testaments ganz schön Zeit geschunden. Wichtig ist der Kirche dagegen allein die Behauptung (nicht die zeitliche Festlegung!) eines Anfangs, an dem eine vernünftige und sinnvolle Begründung ihr Ende finden kann. – Big bang theory? – OK, wenn ihr das sagt! – Strings? – Da gucken wir Katholen doch nicht so genau hin!

Am Beispiel des ersten unbewegten Bewegers führt Thomas sein, auf Regressvermeidung gerichtetes, finites Beweisschema vor; in den folgenden vier Argumentationssträngen kann sich Thomas ceteris paribus skizzenhaft kurz fassen. Der zweite und der fünfte Weg übernehmen die aristotelische Vier-Ursachen-Lehre, nach der alles was ist unter vier »ursächlichen Aspekten« betrachtet werden kann. Das geläufig anschauliche Beispiel einer Marmorstatue läßt sich etwa im Hinblick auf seine causa materialis, die »Materialursache« des Kalksteins, seine causa efficiens. die »Wirkursache« des schaffenden Bildhauers – i.e. das Beispiel des zweiten Weges, und diejenige der vier Ursachen, die unserer heutigen Rede von Ursache, Wirkung und Kausalität am nächsten kommt. Die causa formalis, die »Formalursache« verweist auf die »Idee«, den Bauplan, die geistige »Vorbildung« einer, erst noch zu realisierenden, Nachbildung, derzufolge Michelangelo in etwas koketter Bescheidenheit behauptet haben soll, er würde nur das taube Gestein wegschlagen, das die bereits vorhandene Figur einschließe. Die causa finalis, die »Zielursache« des fünften Weges, bestimmt, wozu etwas gut sei, unsere Staue also beispielsweise zum Schmuck, zur Freude, der Erläuterung oder Belehrung, dem Gedächtnis etc..

(Freilich ist mit der Ziel- oder Zweckursache kein vordergründiger Funktionalismus gemeint, eher ein präfiguriertes »Gut-sein für«, im Sinne eines charmanten Diktums von Nicolás Gómez Dávila: »To love is to understand the reason God had for creating what we love.«)

Auch auf dem zweiten und fünften Weg müssen wir eine »Anfangsfigur«, annehmen, um ein (nicht willkürlich aufgezwungenes) sinnvoll begründendes Ende unseres Fragens und Antwortens finden zu können. Die unbewirkte Wirkursache und die unbedingte Zielbestimmung sind, wie auch der erste unbewegte Beweger, argumentationsnotwendige Annahmen, die sozusagen durch die Vernunft selbst (und keineswegs unmittelbar von Gott) auferlegt sind. Auch die Konklusion seines Argumentes belässt Thomas streng im Schematischen. Aus der Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Anfangsannahme folgt keineswegs die Existenz Gottes. Thomas’ neutrale nicht-konkludierende Formulierungen lauten: »… was alle »Gott« nennen – … quam omnes Deum nominant«, bzw. »…, und dies nennen wir »Gott« – … et hoc dicimus Deum.«

Der dritte und der vierte Weg untersuchen Argumentationen im Bereich der Kontingenz (die sich ohne Welt-Umwelt-Unterscheidung nicht selbst hervorbringen kann), und im weiten Feld der Grenz- oder Maximalbegriffe, in denen sinnvolle Komparatistik auf die Annahme wohlbestimmter Superlative angewiesen ist.

Sieht man in den fünf Wegen, wie eingangs vorgeschlagen, keine fünf isolierten Beweisalternativen, sondern eine Bestandsaufnahme sinnvoll begründender Redeformen, ergibt sich auch der Sinn von »probatio«, oder »probari«, womit Thomas ja seinen Beweisgang programmatisch eröffnet hatte. Kein schluffiges »man kann’s ja mal probieren« ist hiermit gemeint. Eher ein »probare« im Sinne des lateinischen Gemeinplatzes »exceptio probat regulam.« Einsichtiger als beim entsprechenden deutschen Sprichwort, nachdem die Ausnahme die Regel »bestätige«, erklärt die alte Version den Grund für eine solche »Bestätigung«. Die gut gewählte Ausnahme stellt den Sinn einer Regel auf die Probe; mit dieser Ausnahme probieren wir, ob sich der Geist eines Gesetzes auch über dessen Buchstaben hinaus bewähren kann. »Gut ausgesucht« sind hier natürlich die kritischen, heiklen, problematischen Ausnahmen, die eine allgemeine Regel unter besonderen Rechtfertigungsdruck setzen.

Wir sehen Begründung in der Welt. – Begründungen in all ihren Formen (Thomas führt fünf exemplarische Varianten vor) haben mit dem Problem zu kämpfen, sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen zu können. Das sogenannte Münchhausen-Trilemma ist ein von Hans Albert (keinem ausgesprochenen Neuthomisten :-)) gegen jegliche Form von fundamentalistischen Begründungsansprüchen ins Feld geführtes Argument, nach dem jeder Letztbegründungsanspruch in eine von drei Sackgassen führen muss: in einen Zirkel, in einen infiniten Regress, oder aber in einen willkürlichen und dogmatischen Begründungsabbruch. Begründungen, die sich in unendlich fortschreitender Tieferlegung der eigenen Fundamente erschöpfen, sind überhaupt keine Begründungen. Das ist die antifundamentalistische Kernaussage der zweiten Quaestio. »Weil Gott existiert …«, ist kein tauglicher Begründungsanfang, es sei denn, er wäre in inakzaptabler Weise (etwa durch ein willkürliches Machtwort) aufoktroyiert. Das wäre dann der fast schon bekennerhafte, zumindest aber programmatische Antidogmatismus der zweiten Frage.

Wohl aber braucht es in jeder Begründung eine »Typenunterscheidung«, ein wohlunterschiedenes innerhalb und außerhalb unserer Bezugssysteme, ohne die sich ein jeder unserer Gedanken in einer endlosen, sich selbst umkreisenden, Pirouette verdrehen würde.

Quod erat demonstrandum, denn diese Typendifferenz nennen wir »Gott«.

Anders als bei den Quellen der Offenbarung gibt es hier, bei den Gottesbeweisen, keinen Einsendeschluss. Wo immer wir begründen, beginnen mögliche Wege zu Gott. Diese fünf sind ein guter Anfang!

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Triumph des hl. Thomas: Wikimedia

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