Grundgütiger

Cornelis Boel: Thomas von Aquin – (Stich 1610)– Rijksmuseum, Amsterdam
Cornelis Boel: Thomas von Aquin – (Stich 1610)– Rijksmuseum, Amsterdam ⎜ 🔍 〖 〗

Schmalhans als Küchenmeister

  • Ad primae partis quaestionem VI

  • De bonitate Dei. – Über das Gutsein Gottes.

Zieht man in Rechnung, dass lediglich die beiden ersten Artikel der heutigen Frage im engeren Sinne das Gutsein (die bonitas) Gottes verhandeln, während sich Artikel drei und vier mit der »Bonität« der Schöpfung im Vergleich zum (Art. 3) und in Abhängigkeit vom (Art. 4) Gutsein Gottes beschäftigen, dann nimmt Quaestio 6 gerade mal ein Viertel des Textvolumens der fünften Frage nach dem »Guten im Allgemeinen« ein. – Sollte es nicht viel eher umgekehrt sein?

Schön wär’s, könnte man, etwas voreilig, sagen, aber erinnern wir uns an die ersten drei Fragen, dann haben wir bereits drei gute Gründe für diese Zurückhaltung im Gepäck.

(1) Die Offenbarung ist, gerade weil sie aus erster (höchster, und damit weit entfernter) Hand stammt, auf »schleierhafte« Überlieferung angewiesen, wie Thomas mit einem zauberhaft poetischen Dionysius-Zitat* zeigte. (ST I, q. 1, a. 9 co.) – In das begriffliche System einer rein rational vorgehenden philosophischen Theologie kann derart tastend-analoge und bildhaft umschreibende Rede keinen Eingang finden.

(2) Nur indirekt, aus Gottes Werken (den von ihm bewirkten Verwirklichungen seiner Geschöpfe), können wir rational, philosophisch, argumentativ erkennen, »dass Gott ist«, keinesfalls jedoch »was Er ist«. (ST I, q. 2, a. 2 arg 2 et ad 2)

(3) Und schließlich, an kritischer Radikalität kaum zu überbieten, der Verweis auf die Durststrecke einer »via remotionis«, auf der wir vernünftigerweise und »schwarmfrei« keinerlei Wesensaussagen über Gott machen dürfen, sondern allenfalls, in »ent-täuschenden Negationen«, ausschließen können, was Gott jedenfalls nicht sei. (ST I, q. 3, prooemium)

Die naheliegende Irritation über Thomas’ vermeintlich stiefmütterlich zurücksetzende Behandlung von Gottes Gutsein, verliert sich durch einen minimalinvasiven Eingriff. Legt man einfach nur seine Lesebändchen um, und liest Quaestiones 5 und 6 als eine verbundene Frage nach dem Gutsein im Allgemeinen und Besonderen, erscheinen nicht nur die Textproportionen plausibel, auch die strukturellen Parallelen zu den Fünf Wegen (ST I, q. 2, a. 3 co.), und dem Verhältnis der Vollkommenheiten geschaffener Dinge zur perfectio Gottes (ST I, q. 4) legen sich nahe:

  • Alles Seiende ist, von einer (letztendlich ersten) Wirkursache, verwirklichte Möglichkeit.
  • Jede Wirklichkeit ist insofern vollkommen, als sie das gewollte, »indendierte Upgrade« einer bloßen Möglichkeit darstellt.
  • Alles Wirkliche stellt, als ein »Wirklicher geht’s nicht«, eine Vollkommenheit dar.
  • Alles Vollkommene ist, als ein »Besser geht’s nicht«, begehrenswert.
  • Jedes Begehren ist auf ein (begehrtes) Gutes, als seinem Ziel, aus.
  • Dasjenige, worauf alle aus sind, wonach alle streben, ist gut.

So, die bislang zurückgelegte Argumentationsstrecke. Betrachten wir die Begriffskette, an der entlang sie verlief, fällt eine gewisse Kurzschlussgefahr ins Auge.

  • Potentia → (prima) causa efficens → actus, actualitas → omne ens (entia, res, creaturae) → perfectio → appetitibile → finis → bonum (ST I, q. 5, a. 3 co.)

Gut sei, so könnte es scheinen, halt einfach alles und jedes, was wir gut finden, was uns kickt, was uns eben gerade mal gut reinläuft. Etwas tautologienah, auf jeden Fall einigermaßen trivial, nicht wahr? Doch Thomas schließt, wie wir gesehen hatten, an diesem heiklen Punkt noch kürzer, und definiert, schlechthin alles Seiende sei gut, insofern es verwirklichtes Sein, insofern es nun eben einfach einmal da ist! (loc. cit)

Formal betrachtet, sieht das zunächst nach einer schlanken, eleganten und windschnittigen Lösung aus. Doch zwischen Seiendem und Gutseiendem bleibt selbstverständlich entsprechend wenig, genau genommen, gar kein Raum für materialreiche, spannende und interessante Auskünfte über den, der uns doch eigentlich über alle Maßen interessiert.

Widerum nur indirekt »von unten nach oben« (wie bei den Fünf Wegen und dem »Perfektionsverhältnis« Weltvollkommenheiten ↔ Gottes Vollkommenheit), diesmal vermittelt über eine Ähnlichkeitsrelation, kommt hier das Gutsein Gottes ins Spiel:

»Ein Jedes (Ding) erstrebt seine (eigene) Vollkommenheit. Es liegt aber in der Vollkommenheit und in der Form eines Bewirkten eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Wirkenden, denn jedes Wirkende bewirkt etwas ihm selbst Ähnliches. Daher ist das Wirkende selbst begehrenswert und hat (damit) die (begriffliche) Bestimmung des Guten. Begehrt wird nämlich dasjenige an ihm selbst, was an der Ähnlichkeit mit ihm teilhat. Weil Gott die erste Wirkursache von Allem ist, steht fest, dass die Bestimmung des Guten und Begehrenswerten (auch) auf ihn selbst zutrifft.«

»Unumquodque autem appetit suam perfectionem. Perfectio autem et forma effectus est quaedam similitudo agentis, cum omne agens agat sibi simile. Unde ipsum agens est appetibile, et habet rationem boni, hoc enim est quod de ipso appetitur, ut eius similitudo participetur. Cum ergo Deus sit prima causa effectiva omnium, manifestum est quod sibi competit ratio boni et appetibilis.« (ST I, q. 6, a. 1 co.)

Tocotronic - Kapitulation - Cover

Tocotronic: Kapitulation

Man muss sich schon sehr wundern, weshalb der Soundtrack zu diesem zentralen Argument, Tocos »Imitationen«, keine Aufnahme in das, 2013/14 neu aufgelegte, »Gotteslob« gefunden hatte.

This God is Tocotronic

Aber auch »Imitationen«, diese großartige Illuminations- und Adorationshymne, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Thomas uns hier äußerst schmale Kost serviert.

Wir müssen von uns (und der uns umgebenden Wirklichkeit) auf einen Anderen schließen, und wir können allenfalls aus dem Guten in uns bzw. dem Guten in der Welt, Spuren des Gutseins Gottes »ermitteln«. Solche »Indizienbeweise« mögen ja ganz hübsch angerichtet sein (und legen den tüddeligen Umweltschutz und das allfällig-inflationäre Lippenbekenntnis zur »Bewahrung der Schöpfung« so kuschelig nahe), doch deren Stichhaltigkeit, ebenso wie ihr inhaltlicher »Nährwert« tendieren gegen Null. Und es wird nicht besser. Ziehen wir uns folgenden kargen Schematismus rein:

»Da also das Gute in Gott, (sozusagen) wie in einer ersten, aber keineswegs gleichbedeutenden (gleichartigen), Ursache aller Dinge ist, ist es (das Gute) in herausragender Weise in ihm. Dementsprechend wird es (das Gute in Gott) ›höchstes Gut(es)‹ genannt.«

»Sic ergo oportet quod cum bonum sit in Deo sicut in prima causa omnium non univoca, quod sit in eo excellentissimo modo. Et propter hoc dicitur summum bonum.« (ST I, q. 6, a. 2 co.)

Eine erfreulich straffe Durchsage, und dabei trotzdem richtig nett, aber doch auch sehr fleischlos und blutleer!

Es sind gerade diese (und weitere, doch keineswegs reichhaltigere), im Formalen und Schematischen spielenden begrifflichen Bestimmungen der sechsten Frage, die den Blick auf die begrenzten Möglichkeiten und die grundsätzliche Reichweite der philosophischen Theologie lenken.

Mit dem »fünfwegigen Gottesbeweis« (ST I, q. 2, a. 3 co.) hatte sich uns die »Natürliche Theologie« – also diejenige Rede von Gott, die sich innerhalb der Grenzen des natürlich-menschlichen Verstandesvermögens, ausschließlich mit den Mitteln menschlicher Rationalität, allein auf dem Wege schlüssig begründender Argumentation äußern will – mit einem kühnen Projekt und einem beeindruckenden Ergebnis präsentiert: Wir können nicht nur wissen, dass es (einen) Gott gibt, wir können auch rein vernünftig und »offenbarungsunabhängig« einsehen, dass wir seine Existenz zwingend annehmen müssen, wenn wir uns überhaupt vernünftig begründet orientieren wollen. Zwar kann Gottes Dasein auch qua Offenbarung geglaubt werden, etwa wenn es an Zeit, Muße, Intellekt, Bildung fehlt, oder wenn wir, ein wenig übervorsichtig, die prinzipielle Fallibilität menschlichen Räsonierens fürchten (ST I, q. 1, a. 1 co.), aber der Glaube an die Existenz Gottes muss nicht das letzte Wort bleiben! – »Glauben ist nicht Wissen«, wie man zu Recht sagt, und wo ein Wissen möglich ist, toppt es den Glauben, immer und überall, ohne wenn und aber! – Unser unbedingtes Wissen-wollen, dessen, was zuvor geglaubt wurde, unser »desiderium rationale« sozusagen, kann hier Erfüllung finden. – Der volle Hit, der Alltime-Chartbreaking-Blockbuster einer philosophischen Gotteslehre! – Und, nicht zuletzt, eine der katholischen Grund- und Kernüberzeugungen, mit denen die »Una Sancta«, Gott sei Dank, immer noch ein wenig kontroverstheologische Kante zeigt.

Die rein rational gestellte Frage nach dem Gutsein Gottes und ihre Antwort im Rahmen der Natürlichen Theologie, lässt uns dagegen unbefriedigt. Sie zeigt, beunruhigend und unbehaglich fühlbar, die Grenzen einer rein philosophischen Gotteslehre auf. Mehr an Gutsein, mehr Infos vom »lieben Gott« lassen sich mit vernünftigen Mitteln nicht herauskitzeln. Da macht uns Thomas keine falschen Hoffnungen. Hier wird deutlich, dass dies das letzte Wort nicht gewesen sein kann. Es musste zu unserem Heil, wie Thomas in seinem programmatischen Aufmacher (ST I, q. 1, a. 1 co.) sagte, etwas hinzukommen, das unserem natürlichen, über rationale Interessen und die Reichweite unserer Vernunft hinauslangendem Verlangen, dem desiderium naturale, entgegegenkommt.

Hierfür hatte Er eine Vorkehrung, genau genommen, eine Selbsthervorkehrung aus Fleisch und Blut getroffen, die jeder Natürlichen Theologie spottet: Gerade erst kürzlich, zum »Inkarkarnationsfest«, hatten wir uns an dieses Ereignis erinnert. Und doch lässt selbst dieser größte anzunehmende Bonitätsbeweis aller Zeiten ein gewisses Ungenügen ebenso bestehen, wie eine gewisse Hoffnung, dass es damit nicht sein endgültiges Bewenden habe.

»Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. (…) Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.« (1. Kor. 13)

Gustave Doré: Dante und Beatrice vor dem Empyreum – Holzstich zu Dantes »Divina Commedia, Paradiso, Canto XXXI«

Visio beatifica – Gustave Doré: Dante und Beatrice vor dem Empyreum – Holzstich zu Dantes »Divina Commedia, Paradiso, Canto XXXI, 1«

Unter diesem »Schauen von Angesicht zu Angesicht« versteht Thomas, wie wir sehen werden, genau die Wesensschau Gottes, die Einsicht in sein Wesen, seine »Washeit«, seine »quidditas«, die uns diese grandiose, natürlich-rationale, philosophische Hardcore-Theologie, und insbesondere Quaestio 6, aus guten, rein rationalen Gründen vorenthalten musste. Dieses vollständige Erkennen Gottes nennt Thomas »beseligende Schau«. Erst diese visio beatifica wird für diejenigen von uns, die es mit Beistand und Gnade hinüber geschafft haben, nichts zu wünschen, vor allem aber keine offenen Fragen mehr übrig lassen.

* »Impossibile est nobis aliter lucere divinum radium, nisi varietate sacrorum velaminum circumvelatum.« (Pseudo-Dionysius Areopagita: De caelesti hierarchia, Cap. I)

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Cornelis Boel: Wikimedia | Kapitulation-Cover: Tocotronic.de

Kommentare sind geschlossen.