Tertullians Equilibristik

Equilibristik
Balancieren zwischen Furcht und Zuversicht.

Kein Grund zur Seelensorge

Platons wohlmeinende Empfehlung, sich um seine Seele zu sorgen, muss als überholt gelten. Allzu trostlos und miesepetrig wird einem dadurch das positive Denken verhagelt. Die Seelsorger der Wellness-Theologie raten entschieden von jedweder »Seelensorge« ab. Die Heilige Schrift wurde von ungemütlichen Drohbotschaften bereinigt, ihre komfortable Reader’s-Digest-Version auf knapp die Hälfte eingedampft, das Evangelium nach Walt Disney verkündet endlich ungetrübte Frohbotschaft.

Alle Warnschilder abmontiert, was soll jetzt noch schiefgehen?

Rattenfänger – Wikimedia

Rattenfänger lädt zum Kirchentag

»Gratia« kommt von »gratis«, göttliche Gnade hat – ebenso berechenbar wie beanspruchbar – als selbstverständlicher und regulärer Normalfall zu gelten. Nachdem die Rattenfänger einer zynischen Shopping-Kanal-Religion das Seelenheil zum bedingungslosen Grundeinkommen erklärten, flöten sie, weitgehend unwidersprochen, ihre munteren Weisen, als könnten sie kein Weihwässerchen trüben … »doch keines der Kindlein, das ihnen nachfolgte, ward jemals wiedergesehen.«

Warnhinweise

Wer versehentlich auf eines der wenigen noch ungeschwärztes Exemplare des Mattäusevangeliums stößt, mag sich von folgender Stelle irritiert fühlen, in der Jesus vor der »Sünde wider den heiligen Geist«, einer blasphemia spiritus, warnt:

Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt. (Mt 12,31–32)

Heftiger noch klingt diese unzeitgemäße »Drohbotschaft«, oder wollen wir lieber von »Vorsorge« sprechen?

Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. (Mk 3,28-29)

Die wohl heikelste dieser gefährlichen Lästerungen des Geistes ist die sogenannte praesumptio, die »voreilige Annahme«, sich seines Seelenheils vor einem Richterspruch Gottes, sich vor deren Zuteilung seiner Gnade sicher sein zu können.

Die Vermessenheit einer solchen proaktiven Heilsgewissheit, die vermeint, man habe sein naives Seelenschäfchen bereits im Trockenen, seine Erlösung schon verlässlich eingebucht, setzt nun aber leichtfertig gerade das aufs Spiel, was man bereits sicher und unverlierbar zu besitzen glaubte. – Eine beunruhigende Double-Bind-Zwickmühle, die einen aus der allerseits angesagten theologischen Vollnarkose, dem Dämmer der Sorglosigkeit erwecken könnte.

Tertullians Equilibristik

Sich auf das andere Extrem zu verlegen ist freilich keineswegs weniger riskant. Wer starr vor Angst seinem Ende entgegen sieht und sich in einer heillosen desperatio (der entgegengesetzten »Blasphemie« gegen den Geist) verliert, müsste auf die ebenso bedenkliche »Unheilsgewissheit« einer bedrohlichen self-fulfilling prophecy verfallen.

Während die Verfehlung der praesumptio in einer Hybris, der irrigen und allzu selbstgewissen Überschätzung der eigenen Heilswürdigkeit besteht, liegt die »De-Speration« in einer Außerkraftsetzung der Hoffnung (spes) aufgrund der irrigen Unterschätzung göttlicher Heilsmöglichkeiten.

Tertullian – Wikimedia

Tertullian

Zwischen diesen beiden Übeln ist guter Rat teuer. Tertullian, der erste lateinische Kirchenschriftsteller, einflussreichster »Terminologe« der frühen Kirche, brillanter Stilist und scharfer Polemiker vor dem Herrn, überrascht in einer Art christlichem Style-and-Fashion-Guide im Umfeld römischer Dekadenz (De cultu feminarum, etwas piefig übersetzt »Über den weiblichen Putz«, vielleicht besser »Über den Over-Style der Frauen«) mit einer Empfehlung, die so nahe zu liegen scheint, dass sie gewissermassen hinter dem »Blinden Fleck« der Offensichtlichkeit verborgen bleiben musste:

»Debemus quidem ita sancte et tota fidei substantia incedere ut confisae et securae simus de conscientia nostra, optantes perseverare id in nobis, non tamen praesumentes. Nam qui praesumit minus iam veretur; qui minus veretur minus praecavet; qui minus praecavet plus periclitatur. Timor fundamentum salutis est, praesumptio impedimentum timoris. Utilius ergo si speremus nos posse delinquere quam si praesumamus non posse. Sperando enim timebimus, timendo cavebimus, cavendo salui erimus. Contra si praesumamus neque timendo neque cavendo difficile salvi erimus. Qui securus agit, non, et sollicitus, non possidet tutam et firmam securitatem. At qui sollicitus est, is vere poterit esse securus.« (De cultu feminarum II, 2)

***

»Wir müssen in solcher Heiligkeit, so in der ganzen Fülle des Glaubens wandeln, dass wir in unserem Gewissen ruhig und sicher sind in dem Wunsche, so zu bleiben, ohne vermessen darauf zu bauen. Denn wer zuversichtlich ist, der ist weniger besorgt, wer weniger besorgt ist, ist weniger vorsichtig, wer aber weniger vorsichtig ist, der ist in größerer Gefahr. Die Furcht ist die Grundlage des Seelenheils, Zuversichtlichkeit aber ein Hindernis der Furcht. Nützlicher also ist es zu hoffen, dass wir imstande sein werden, die Sünde zu meiden, als sich dessen zu vermessen. Denn haben wir diese Hoffnung, so werden wir besorgt sein; sind wir besorgt, so werden wir vorsichtig sein; sind wir vorsichtig, so werden wir gerettet werden. Wenn wir dagegen vermessentlich vertrauen, werden wir aus Mangel an Besorgnis und Vorsicht zugrunde gehen. Wer sich in Sicherheit wiegt, ist nicht besorgt und besitzt darum keine feste und zuverlässige Sicherheit. Aber wer besorgt ist, der kann wirklich sicher sein.« (Über den weiblichen Putz II, 2)

Das rhetorisch etwas verspielt anmutende Hin und Her zwischen Zuversichtlichkeit und Sorge könnte den Eindruck erwecken, Tertullian wolle hier seinen originellen Sprachwitz bei der Entwicklung eines paradoxen Dilemmas beweisen. Vergleichbar mit Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungern muss, um so das vertrackte Entscheidungsproblem bei der Wahl gleichwertiger Güter zu illustrieren, könnte man hier an eine entsprechende Aporie bei der Vermeidung konsequenzengleicher Übel denken.

Ich lese das Gegenteil: Nicht die Ausweglosigkeit einer rational unentscheidbaren Entscheidung will Tertullian mit diesem gewitzten Argument vorführen; vielmehr geht es ihm, e contrario, darum, die statische Verklemmung eines zweiwertigen Entweder-Oder aufzulösen. Das »Hin und Her« zwischen zwei diametral entgegengesetzten Lebenseinstellungen ist dynamisch und durchaus praktisch zu verstehen.

Nicht als passive, zwischen zwei Extremen fixierte, Opfer auswegloser Szenarien sollen wir uns verstehen, die, bewegungslos festgenagelt im Deadlock zweier unverzeihlicher und gleichermaßen verdammungswürdiger Lebens(un)möglichkeiten, ihr unseliges Ende zu befürchten haben. Vielmehr sind wir aufgerufen, unseren »Lebensspielraum« zwischen widersprüchlichen Anfechtungen und unter widerstreitenden Bedrohungen auszuschöpfen. Tertullians »Hoffnungslehre« zielt auf unsere Widerstandskraft, Korrumpierungsversuche aus zwei entgegengesetzten Quellen zurückzuweisen.

Hoffnung als Tugend

Neben dem Glauben und der Liebe, gilt die Hoffnung als eine der drei theologischen Tugenden. Aus der Analogie zu den natürlichen Tugenden (etwa der Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit als den vier Kardinaltugenden) ergeben sich allerdings einige begriffliche Probleme.

Die göttlichen Tugenden weisen über unsere natürlichen Lebenszusammenhänge hinaus. Ihre Güter und Ziele liegen jenseits unseres Handlungs- und Lebenshorizontes. Die übernatürliche Tugend der Hoffnung ist auf Erlösung, Auferstehung und das Ewige Leben in Gemeinschaft mit Gott aus. In diesem Leben unerfüllbar, ergeben sich nicht nur erstrebtes Ziel und erhofftes Gut, sondern auch Quelle und Ursprung der Hoffnung aus übernatürlicher Offenbarung. (Einer vorchristlichen Ethik, etwa nach aristotelischem oder stoischem Zuschnitt, hätte ein »Überbau der theologischen Tugenden« bestenfalls als durchgeknalltes Gedankenexperiment, realistischerweise aber wohl eher als infantiles Wolkenkuckucksheim gegolten.)

Anders als bei den lebenspraktisch durch Vorbild, Nachahmung und Erziehung, durch Einübung und Gewöhnung erworbenen Tugenden (den virtutes acquisitae) bietet unser diesseitiges Leben kein »Übungsfeld« für eine »Tüchtigkeit« im Umgang mit dem Göttlichen. Einen »Habitus der Hoffnung«, unsere »Disposition« auf übernatürliche Ziele, können wir nicht erwerben, »trainieren« und pflegen, wie etwa die Tapferkeit oder Besonnenheit. Die christliche Tradition nannte die Tugend der Hoffnung deshalb  »virtus infusa«, eine »eingegossene Tugend«.

Ohne menschliches Zutun von Oben kommend und über jede menschliche Reichweite hinaus nach Oben zeigend, sprengen die göttlichen Tugenden die Kompetenzen der Ethik als einer »Kunstlehre des guten und gelingenden Lebens«. Einen falschen Umgang mit der Hoffnung gibt es allerdings (wie oben gesehen) sehr wohl. Es möchte scheinen, als eröffne sie, dem menschlichen Gelingen entzogen, zwei gleichermaßen fatale Möglichkeiten des Scheiterns.

Via remotionis

In Anknüpfung an die Selbstbeschränkung der »negativen Theologie«, die sich unangemessen »positiver« theoretischer Urteile über das Göttliche enthält, um sich auf verneinende Aussagen zu beschränken, über das, was die Göttlichen Dinge nicht seien, könnte man »Tertullians Lösung« als die praktische Version einer via remotionis verstehen; als einen »Weg der Zurückweisung« des Falschen, wo der direkte Weg zum Richtigen im Dunklen liegt.

Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. (Röm 8,24–25)

Ohne sich mit einer zweifelhaften »Ethisierung« des Übernatürlichen philosophisch und theologisch zugleich in die Nesseln zu setzen, rät uns Tertullian in Bewegung zu bleiben. Wie Odysseus den Kurs zwischen Scylla und Charybdis nur mit Schwung und unter straffem Segel halten konnte, gilt es, die Hoffnung unter wechselnden Winden im Fahrwasser zu halten, soll sie nicht an bedrohlichen Klippen scheitern, sobald wir sie in der Passivität trügerischer Gewissheiten treiben lassen.

»Bewegt« von wechselnden Stimmungen, die einem ohnehin zufallen und über die eigene Macht gehen, gilt es gegenzusteuern, wenn der Stillstand falscher Sicherheit droht. Sich den Billigangeboten der Süßwarenverkäufer gegenüber verächtlich zu halten, vor den leichtfertigen Einsäuselungen der Käßmanns und Bedford-Stroms die Ohren zu verstopfen, mag immer ein guter Anfang sein.

Sticht uns der Hafer und bilden wir uns ein, »if I can make it here, I’ll make it anywhere«, bringt uns eine heilsame Tertullian-Lektüre wieder auf Kurs, die uns Das Gericht mit seinen drohenden Strafen in leuchtenden Warnfarben malt. Bekommt uns dagegen der Grunge zu fassen, und regeln wir angesichts des schlimmen Endes, das es mit uns nehmen will, unsere trostlosen Verhältnisse – »you can eat my cancer, when I turn black« – so kann selbst de profundis immer noch der heilige Judas, Schutzpatron der aussichtslosen Fälle, ein gutes Wort für uns einlegen. »Wir sind hier nicht in Seattle«, machen wir uns klar, und kriegen mit Gottes Hilfe doch nochmal die Kurve.

Tertullians Tipp, sich der Endgültigkeiten zu enthalten, bevor sie spruchreif geworden sind, die Hoffnung in der Schwebe zu halten, sich in Unsicherheit zu wiegen, fordert nicht etwa zu einer Übung in falscher Bescheidenheit auf.

»Bitte oszillieren sie!« – Das ist die hohe Kunst, sich der höchsten Verheißung zu stellen.

© 2021 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
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