Zeitensucher

Müde Augen, schwere Lider, welch ein Blick. Marcel Proust um 1900.

Müde Augen, schwere Lider, welch ein Blick. Marcel Proust (1895)

Comme il faut – Das schiere Volumen scheint den Leser zu drängen, ein forçiertes Lesetempo vorzulegen. – Ars longa, vita brevis. – Doch vor bulimischer Lektüre sei gewarnt: »All you can eat« bleibt selten »all you can keep«! – Slow Food ist freilich keine Lösung. – Den kleinbürgerlichen Genusserziehern scheint entgangen, dass sich Lust nicht konditionieren lässt. Beruhigt sie sich doch keineswegs in »bewusstem Konsum«, sondern allenfalls in der Ewigkeit. (Im Hier und Jetzt knallt sie exzessiv durch, wie es ja auch ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist.) Die gymnasiastisch geschulte Sensibilität beflissener Schulästheten täte all den lockenden Delikatessen mindestens ebensolch unappetitliches Unrecht an, wie deren hastig geiler Verzehr!

Es geht dem Zeitensucher erst bei wiederholtem Lesen die Blume auf. Aroma, Duft und Geschmack entfalten sich dem Trägen, dem Retardierten, dem leicht verpeilten Zuspätkommer, der stets eine Handbreit neben der Spur eine Linie zieht, die auf steten Abgleich mit geläufigen Geleisen angewiesen ist.

Der erste Gang, der erste (Lese-) Durchgang, weckt zunächst ein Bewusstsein dafür, was man verpassen würde, wenn man jetzt einfach so weiterläse. Diesen vorausschauenden ersten Turnus sollte man eher als Lektüre einer Speisekarte nehmen, als »Provision«, die die Vorfreude weckt, einem das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, die zu erwartende Raffinesse in strahlende Szene setzt.

Tischmanieren

Wir nehmen Haltung an, kehren der Profanität den gestrafften Rücken, entfalten die gestärkte Damastserviette, versichern uns eines Überblicks, der dem Nebensächlichen die Ehre gibt, lassen den Blick über die Tafel schweifen und erfreuen uns der reizenden Reflexe von Tafelsilber und Kristall, die unsere müden Augen beleben und erwecken. – Voilà, les horsd’œuvre. – Außerhalb des Werks machen wir uns geneigt. Unsere schweren Lider heben sich und die Aussicht auf eine lange, wohldurchdachte Speisenfolge öffnet sich.

Bisweilen ist dem Kollateralnutzen erfreulicher Manieren größerer Genuss geschuldet, als den kneifenden Zudringlichkeiten pädagischer Hedonistik.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Proust: Wikimedia | Tafel: Wikimedia

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