Derridas Mémorial

»Donc que je sois«

Jacques Derrida

Arturo Espinosa: Jacques Derrida

In den frühen Morgenstunden eine Doku, ein Feature, vielleicht eher einen »Téléessai« über Derrida gesehen, der nun im französischen O-Ton nochmal im Hintergrund läuft. D’un style typiquement ARTE, trés francais, von souverän ausgreifender Oberflächlichkeit des Anspielungsreichtums. Tout à fait différente de l’Allemand. Unaufdringlich elegante Vermeidung jeden Tiefgangs. Keine Gefahr des Auf-Grund-Laufens. Nichts wird erklärt, fundiert, begründet. Einladende Salon-Atmosphäre wissenden Mitdenkenkönnens. Nichts wird einem unter die Nase gerieben. Niemand wird durch noch ausstehende Lektionen brüskiert, durch bereits Verpasstes abgehängt. Beständig drauf und dran den Faden zu verlieren, doch stets auf dem qui vive ihn wiederzufinden, denn der nächste Bezugspunkt ist immer in Assoziationsreichweite. Der erhobene Zeigefinger belehrt nicht, sondern dirigiert die Formulierung, setzt eitle Akzente, inszeniert die Pointe … – »Man sollte immer versuchen, interessant statt genau zu sein.« (Voltaire).

Bemerkenswerter Schluss mit merkenswerten letzten Worten: Vor allem gegen Lebensende soll Derridas Schreibsucht zwanghafte Züge angenommen zu haben. – Angst vor dem Tod, der ihn am Ausdruck hindern will. – Schreiben, schreiben, schreiben. Unter anderem einen Zettel, den sein Sohn Pierre auf seiner Beerdigung vorlesen sollte. – »Wo immer ich auch bin.« lautete das übersetzte Zitat, dazu der Hinweis, dass dieser Satz im Präsens stünde.

Bestenfalls ganz nett, aber das kann’s doch nicht gewesen sein. Für ein »Memorial« von Pascalschem Gewicht kam mir das ein wenig zu flach vor. Allemal für ein Autoepitaph von Derridas letzter Hand. Et voilà, im Original heißt es »donc que je sois«. Nun, Bezug und Parallele zu Descartes’ »Je pense, donc je suis« ist natürlich unübersehbar, aber der Satz, eigentlich ein unvollständiger Halbsatz, steht im subjonctif présent, einem (typisch?) französischen Zwischenton, weder Indikativ, noch Konjunktiv – kein Potentialis, erst recht kein Irrealis. Eine eigentlich unübersetzbare Tonfärbung, vielleicht besser die aquarellierende Modifikation eines kontinuierlich changierenden »verbe de balance« (wunderbarer Ausdruck!), von denen es umständlich doch intelligent erhellend heißt:

»Die verbes de la balance bilden die schwierigste Gruppe der Subjonctif-Auslöser. Balance-Verben verlangen nicht ausschließlich den Subjonctif bzw. den Indikativ. Der Gebrauch des Modus hängt vom Kontext ab. Typische Verben sind penser, croire, être sûr etc. Grundsätzlich gilt: Will man ausdrücken, dass das, was hinter dem que steht, seiner Meinung nach sicher oder mindestens wahrscheinlich ist, dann wählt man den Indikativ. Wenn man denkt, dass es ungewiss oder unwahrscheinlich ist, wendet man den Subjonctif an.« (Wikipedia)

Der cartesianische indicativus absolutus des »Cogito«, Fels der Gewissheit im Zweifelsmeer, erscheint im letzten Abendlicht eines intellektuell hyperaktiven Lebens sozusagen in einer gewissen »Abschattung der Gewissheit«, ohne durch einen coniunctivus fallibilitatis (potentialis vel irrealis) korrodiert zu werden. Leicht übersieht man in dieser melancholischen Beleuchtung den Umstand, dass der grammatikalisch unvollständige Satztorso »donc que je sois« in einer besonders radikalen Form der »Derridaschen Ellipse«, gerade den herausoperierten Satzteil als freipräparierte Leerstelle in Szene setzt. Der Chirurg spricht von einer »Darstellung« des Freigelegten. In den Subjonctif transponiert, wird daraus ein Theologumenon der Hoffnung, n’est-ce-pas? – Derrida in nuce, in der der Nussschale überquert des Rätsels Meister den Styx.

Vielleicht auch eine Derridasche différance? – Zerstreuung und Konzentration – Begünstigt durch das locker und durchsichtig gewirkte Gewebe des frankophonen Bildungsfernsehens machen sich Aufmerksamkeit und Konzentration selbstständig, sobald sie in anregende Zerstreuung entlassen werden.

Zerstreuung I)

Gelegentliche Einblendungen der Derridaschen Texte lassen eine Besonderheit der französischen Typographie ins Auge fallen. Zwischen den »Guillemets« und dem, von ihnen eingefassten, Text stehen Leerzeichen! Irritierend offensichtlich, der Unterschied zu den bündig stehenden deutschen Gänsefüßchen, den angloamerikanischen »quotes« oder »quotation marks« oder auch den nach innen gekehrten »Chevrons«, wie ich sie gerne verwende. Das Zitat, obwohl auffälliger als solches gekennzeichnet, löst sich in der bezugnehmenden »Textumgebung« auf. Das oben besprochene Selbstdekonstrukt « Donc que je sois » diffundiert sozusagen in seinen « Kotext » hinein und lebt, ganz anders als im Deutschen, auf Meins oder Deins bedachten, Trennungswesen, in « offener Zeilengemeinschaft » mit dem anführenden Text. – Ein nationales Charakteristikum?

Zu den italienischen »virgolette«.

Zerstreuung II)

Die Kamera fährt Büchermassen in Stapeln und Regalen ab. Deutsche und französische Bücher nebeneinander stehend. Die französischen Bände, durchaus aus bestem Hause (Gallimard etc.), stehen ohne »richtigen Einband« da. Nicht mal von Pappe sozusagen, geschweige denn Leinen oder Halbleder. Nichts als  dünnes, flattriges Umschlagpapier, das – kein Wunder – vom Rücken gelöst, den Blick auf nackte Buchblöcke mit gleichwohl säuberlichster Fadenheftung der skelettierten Lagen und z.T. noch nicht vollständig aufgeschnittenen Bögen freigibt.

Warum mutet die »Französische Broschur«, auch »Interims- oder Übergangsbindung« genannt, so intellektuell, so kultiviert, so proustien an? – Ein Lesehunger, der zur Lektüre im Stehen verführt, den Lesestoff noch druckwarm der Presse entrissen, provisorisch eingewickelt unter den Arm geklemmt, auf der Parkbank in ungeduldiger Leidenschaft mit einem ersten Schnitt des »coupe-papier« defloriert und atemlos zum Eigenen gemacht? – Ein literarisches Leben in erregter Vorläufigkeit einer Affaire. – Die endgültig verbindliche Bindung , die finale, versargende, nekropolisierende Verumschlagung bleibt einer gesetzteren archivarischen Lebensphase vorbehalten?

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Jacques Derrida: Flickr.

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