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Andrea Verrocchio und Leonardo da Vinci: Die Taufe Christi – Uffizien, Florenz
Andrea Verrocchio und Leonardo da Vinci: Die Taufe Christi – Uffizien, Florenz ⎜ 🔍 〖 〗

Versuch über Tod und Taufe

Vordergründig missverstanden als religiös imprägnierte soziale Veranstaltung, handelt es sch bei der Taufe um ein dramatisches sakramentales Geschehen auf Leben und Tod:

»Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.« (Röm 6,3–4).

»Und fehlt das Einverständnis des Täuflings dabei, die Taufe wird gültig nicht minder«, könnte man mit einem christlich verkehrten Heine sagen. Über eine landläufige Unterschätzung der Taufe als Ritus der Initiation in die »Gemeinschaft der Gläubigen« hinaus, setzt das Sakrament der Taufe einen character indelibilis der Heiligung, ein unauslöschliches Prägezeichen, ein irreversibles Branding, das den Täufling der »Gemeinschaft der Heiligen« zueignet. Bei der Taufe handelt es sich weder um eine Mitgliedsaufnahme, die man rückwirkend zurücknehmen, noch eine »Verleihung«, die man nachträglich ablehnen könnte. Der Getaufte ist vielmehr unwiderruflich und auf sein Ende hin endgültig »gezeichnet« von Tod, Auferstehung und neuem Leben.

In der Regel und überkonfessionell verbindlich für die überwiegende Mehrheit der Christenheit wird die frühe Kindertaufe einem noch wehrlosen Täufling ohne seine Erlaubnis oder gar Mitwirkung und Beteiligung, ohne jede Rücksicht auf sein Mitbestimmungsrecht, in seinem noch unzurechnungsfähigen Säuglingsalter »angetan«. Ein späteres Bekenntnis mag sich anschließen, der Glaube kann folgen, doch weder resultiert er aus dem »Geist der Taufe«, noch können eine Gesinnung, ein Lebensgefühl, eine Anhängerschaft »angetauft« werden.

Im sichtbaren Taufritus wird dem Täufling das unsichtbare »Mal der Taufe« zugefügt, das ihn zum Fremdling in dieser und Bürger der kommenden Welt (Eph 2,19) prägt. Dem Wortsinn des »löschgeschützten Merkmals«, einer »fälschungssicheren Signatur« nach, wird das gerade erst verstorbene, frisch auferstandene, brandneue Menschenkind »abgestempelt« und damit »charakterisiert« zu seiner lebenslang festgelegten Angehörigkeit zu einer erhobenen »Seinsart«, die der Getaufte nach Belieben ignorieren und verdrängen mag, derer er sich jedoch nicht entledigen kann. Die vorgeschriebene Öffentlichkeit, die verbindliche Offensichtlichkeit der Taufzeremonie kann als demonstrativer »Sichtvermerk im Lebensausweis« eines jeden Christenmenschen gelten; sie ist also gewissermaßen das hoheitliche Visum der civitas dei.

Ebenso folgerichtig wie fürsorglich zielt die Empfehlung zu einer möglichst frühen Kindertaufe darauf, das Leben des Täuflings als ein »Leben nach dem Tod« beginnen zu lassen. Alles noch vor sich haben zu können, setzt nach christlichem Verständnis voraus, das Schlimmste, das Ende, die ultimative Todesdrohung, bereits hinter sich gelassen zu haben. In der Taufe stirbt der Getaufte seinen »ersten Tod«, der das »alte«, in der Erbsünde befangene Leben vorwegnehmend beenden soll, um ihn auf unverhoffte Möglichkeiten anzusetzen und auf ein gewandeltes, das Neue Leben hin »freizulassen«.

Bevor ein zurückweichendes, schwindendes, versagendes Leben seinen »Träger« der Vernichtung überlässt, soll im Sakrament der Wiedergeburt ein Avantgardist der Vitalität auferstehen. Die eilige Nottaufe von Säuglingen in Lebensgefahr sucht also den »zweiten (biologischen) Tod (übernatürlich) zu überholen«, bevor dieser sich endgültig machen, bevor er sich verewigen und sein vernichtendes letztes Wort behaupten kann.

Die Taufe ist ein ontologisch zu verstehendes Wandlungsereignis von einer alten, korrupten und damit todgeweihten Natur zu einer neuen, heilen und lebensoffenen Natur. Eine praktische Disposition des Lebens ist damit nicht verbunden. Die Taufe geht »wesentlich« auf das Sein des Täuflings, allenfalls unwesentlich auf sein Sollen.

Dessen »Lebensaufgabe« mag womöglich darin bestehen, sich in seinem Selbstverständnis von den biologistischen Missverständnissen des Menschlichen zu emanzipieren, indem er sich auf die eigene Menschwerdung in der Taufe besinnt.

(Aus naheligendem Anlass am 23.12.2018)

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Taufe Christi: Wikimedia.

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