Ubi amor, ibi oculus

Fra Angelico: Johannes (der Evangelist), Thomas von Aquin, Laurentius (der Märtyrer) – Freskendetail im Dominikanerkloster San Marco Florenz (um 1437–1446) – Museo di San Marco, Florenz
Fra Angelico: Johannes (der Evangelist), Thomas von Aquin, Laurentius (der Märtyrer) – Freskendetail im Dominikanerkloster San Marco Florenz (um 1437–1446) ⎜ 🔍 〖 〗

Wertschätzung des Wirklichen

  • Ad primae partis quaestionem V

  • De bono in communi. – Über das Gute im Allgemeinen.

Grandios generell, hintergründig und verlockend rätselhaft: ubi amor, ibi oculus. Dieses großartige Diktum hatte HL mir vor etlichen Jahren einmal gesteckt, nachdem er es wohl in Jüngers »Siebzig verweht« (Bd. IV, 22. Oktober 1986; ?) entdeckt hatte. Die sprichwörtliche Wendung hatten wir seitdem immer wieder, und zu den unterschiedlichsten Anlässen ausgetauscht, bis sie schließlich zu einem »Unserer Sprüche« wurde. Vielleicht kann sie auch hier einen Weg zu den, aus heutiger Sicht, äußerst irritierenden Bestimmungen der Quaestio 5 ebnen.

Die Formulierung (ursprünglich wohl Richard von St. Viktor zuzuschreiben) findet sich in Thomas’ frühem Sentenzenkommentar, einer philosophisch-theologischen Programm- und Qualifikationsschrift, vergleichbar der Dissertation oder Habilitation, in Form eines sehr freien und selbstständigen Kommentars zu den vier Büchern der Sentenzen des Petrus Lombardus. Sie steht dort in einem Zusammenhang, der auf den ersten Blick mit der Fragestellung zum »Guten im Allgemeinen« wenig zu tun haben scheint. Gegen Ende seiner Ausführungen zum dritten Buch beschäftigt sich Thomas mit den Vorzügen der vita contemplativa, der handlungsentlasteten, »beschaulichen« (monastischen oder philosophischen) Lebensform, die, wenn nicht ganz und ausschließlich, so doch weitgehend und überwiegend der zweckfreien intellektuellen und geistlichen Betrachtung gewidmet ist. Thomas fragt, ob das beschauliche Leben lediglich aus einem Akt des Erkenntnisvermögens bestehe – »Utrum vita contemplativa consistat tantum in actu cognitivae« – und antwortet:

»Aus zwei Richtungen kann die Tätigkeit des Erkenntnisvermögens affektiv beeinflusst werden. Auf die eine Weise, insofern es sich um eine Vervollkommnung des Erkennenden handelt, und eine solche affektive Beeinflussung der Erkenntnistätigkeit entspringt der Selbstliebe, und derart war die kontemplative Lebensform der (antiken) Philosophen (»gefühlsmäßig«) betroffen. Auf die andere Weise (wird die Erkenntnistätigkeit beeinflusst), insofern sie auf das Objekt (der Erkenntnis) hin bestimmt wird. Und so ergibt sich das Begehren der Betrachtung aus der Liebe zum Gegenstand (der Kontemplation), so wie es ja heißt: »wo die Liebe (hinzeigt), da das Auge (hinschaut)«.

»… ex duplici parte potest operatio cognitivae affectari. Uno modo inquantum est perfectio cognoscentis; et talis affectatio operationis cognitivae procedit ex amore sui: et sic erat affectio in vita contemplativa philosophorum. Alio modo inquantum terminatur ad objectum; et sic contemplationis desiderium procedit ex amore objecti: quia ubi amor, ibi oculus« (Scriptum super Sententiis, Liber III, Distinctio 35, Quaestio 1, Articulus 2, Quaestiuncula 1 – Respondeo …)

Was Thomas hier behauptet, ist nicht von Pappe:

Der Erkenntnisakt ist ein Liebesakt!

Die Betätigung unseres Erkenntnisvermögens ist alles andere als »leidenschaftslos« und affektiv neutral. Unser Erkennen lässt sich von seinen Gegenständen anziehen, es legt sie sich nicht zurecht. Doch ist dies keineswegs ein Manko, denn ganz genau so soll es sein.

Unser Erkennen antwortet sozusagen auf die Ansprache von Seiten der Gegenstände des Erkennens, die ihn locken, ihn reizen, die sich ihm wertvoll und begehrenswert zeigen.

Die »Sachlichkeit«, die uns Thomas hier nahe legt, ist der nüchternen »neuen Sachlichkeit« der Neuzeit diametral entgegengesetzt. Deren aufgesetztes Absehen von unserer Neigung zu den Gegenständen des Erkennens, erscheint demgegenüber als fragwürdiges Ideal. Der vorgeblich »rein sachliche« Blick auf die Sachen muss dementsprechend ein liebloser Blick sein, oder jede Erkenntnis von ihnen wäre kompromittiert, wenn nicht gar korrumpiert.

Thomas dagegen sieht in der operatio cognitvae vor allem eine erkenntnisträchtige Zuwendung zu den ansprechenden Gegenständen unseres Erkennens. Indem wir uns ihrer Anziehungskraft verschließen und ihrer Eigentlichkeit den Rücken kehren, wahren wir natürlich die neuzeitlich propagierte Distanz. – Distanz zur Wirklichkeit, die es freilich gelassen verkraftet, wenn wir versuchen über sie hinwegzusehen.

Zugegeben, eine ganz schön lange Einflugschneise zur Sache der fünften Frage, doch Thomas beleuchtet von hier aus sozusagen die erkenntnistheoretische Rückseite der Quaestio 5, die straightforward, ohne wenn und aber, ohne das kleinste Körnchen Salz, folgende krasse Behauptungen aufstellt: »Alles was ist, ist gut.« – Man kann es auch drehen und wenden: »Es gibt nichts, was nicht gut ist.« So sachlich, kühl und leidenschaftslos, so rational wir die Dinge auch betrachten, unterscheiden, einordnen und beurteilen mögen, wir können gar nicht anders, als über Gutes zu sprechen, denn »Alles Sein ist Gutsein.« – Keine Ausnahmen, keine Reste, keine Überhänge, keine unentschiedenen Grauzonen. Über Nicht-Gutes können wir nicht in direkter Rede sprechen. Allenfalls in kontrafaktischen Gedankenexperimenten (etwa Descartes’ genius malignus der ersten Meditation) könnten wir Nicht-Gutes, oder gar schlechthin Schlechtes zum Gegenstand unserer fiktionalen Phantasie machen. Doch so was gibt’s nicht wirklich, das ist nicht echt, das ist nur Film und was da spritzt, ist Ketchup!

»Gut sein«, bezieht sich nach heutigem Sprachgebrauch einerseits auf den unwahrscheinlich guten Ausgang heikler Situationen, und hat meist eine etwas klebrige Konsistenz. »Alles wird gut«, lautete das Running-Armutszeugnis einer gruseligen Fernsehmoderatorin, die Leute heute auf ihr »heile, heile, Gänschen-Niveau« herabzuziehen versuchte.

Andererseits meint »gut sein« vor allem »gut gemacht«, und das heißt nach menschlich interessierten Maßstäben, von Menschen gut gemacht. Technisch, funktional, zweckdienlich, aber durchaus auch moralisch, ethisch, sittlich. Intellektuell, scharfsinnig, clever, erfindungsreich geht natürlich ebenfalls. Handlungen, Handlungsergebnisse, Handlungsfolgen werden »gut« genannt. »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«, wie man gerne sagt. Gegenstände, Dinge, Objekte, etwa der Erkenntnis, sind »gut« allenfalls als gute Ergebnisse, gute Realisate unseres Herstellens, Machens, Fabrizierens und kreativen Schaffens.

Es ist diese enge »Handlungsbindung« unserer modernen Rede von »gut«, wegen der sich bereits an dieser Stelle, aus einem ersten Befremden heraus, ein gewisser Unwille regen, und die Gegenbeispiel-Frage »Wie ›gut‹ war dann Auschwitz?« provozieren könnte. Frage und Problem sind notiert, doch bis zu ihrer Beantwortung ist es noch ein paar Jahre hin. Sie wird uns im zweiten Teil der Summa beschäftigen, der sich mit den menschlichen Handlungen (Prima secundae, ST I-II) und ihrer ethischen Qualifikation nach gut und böse (Secunda secundae, ST II-II) befasst. An dieser Stelle geht es jedoch zunächst um das Seiende, alles Seiende, das wir in der uns umgebenden, »unbehandelten Welt« vorfinden.

Im sed contra des dritten Artikels (»Ob alles Seiende gut sei. – Utrum omne ens sit bonum.«) macht Thomas zunächst mit Paulus’ erstem Brief an Timotheus einen etwas schlicht anmutenden Vorschlag: »Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut« (1 Tim 4, 4). Im Corpus bezieht er sein Argument auf die Vorgängerquaestio 4 zur Vollkommenheit, genauer gesagt auf die Frage, inwiefern Gott sämtliche Vollkommenheiten der geschaffenen Welt umfassen könne, ohne sich »aufteilen« zu müssen (ST I, q. 4, a. 2 co.):

»Ich antworte, indem ich sage, dass alles Seiende, insofern es Seiendes ist, gut ist. Alles Seiende ist nämlich, insofern es Seiendes ist, wirklich (in actu) und (damit) in gewwisser Weise vollkommen, weil jeder Akt (jede Verwirklichung) eine gewisse Vollkommenheit darstellt. Das Vollkommene hat aber eine begriffliche Bestimmung des Begehrenswerten und Guten bei sich, wie aus dem Gesagten hervorgeht. Daraus folgt, dass alles Seiende, insofern es derart beschaffen ist (i.e. aktualisierte Wirklichkeit ist), gut ist.

»Respondeo dicendum quod omne ens, inquantum est ens, est bonum. Omne enim ens, inquantum est ens, est in actu, et quodammodo perfectum, quia omnis actus perfectio quaedam est. Perfectum vero habet rationem appetibilis et boni, ut ex dictis patet. Unde sequitur omne ens, inquantum huiusmodi, bonum esse.« (ST I, q. 5, a. 3 co.)

Möglichkeit (potentia) und Wirklichkeit (actus) und dazwischen die »kreative« Wirkursache (causa efficiens) hatten uns durch alle bislang gelesenen Quaestionen begleitet. Aus der fünften lernen wir nun, dass sich hier, und nur hier, im Übergang vom »möglicherweise sein können« der Potentialität zur unumkehrbaren Aktualisierung des »nun ist es wirklich passiert«, zum »hier und jetzt ist Wirklichkeit geschehen«, eine »Wertschöpfung« abspielt, die jedem ökonomischen Missbrauch dieses Wortes spottet.

Alles was ist, ist Ergebnis einer Verwirklichung, und eine jede einzelne Aktualisierung zum Wirklichsein beruht auf der Wahl aus einer Mannigfaltigkeit alternativer Seinsmöglichkeiten. Jedem Wirklichwerden geht also eine Wertschätzung voraus! Alles was ist, wurde als wertvoll und erstrebenswert befunden, es wurde »erwählt«, bevor es wirklich, und damit zu guter Letzt »gut« wurde.

Die zunächst paradox anmutende Formulierungen des ersten Artikels stellen also keineswegs eine definitorische Gleichschaltung unvergleichbarer Wirklichkeitskonzepte dar. Vielmehr weisen sie diskret, doch durchaus sprachbewusst auf eine mögliche Parallelisierung unterschiedlicher, aber widerspruchsfrei gegebener Darreichungsformen der Wirklichkeit dar:

Die Welt ist da, weil sie Einem so gefiel. Ohne Rücksicht auf uns, ist sie so wie sie ist, doch uns steht es frei, auch etwas von ihr wollen.

»… unde manifestum est quod intantum est aliquid bonum, inquantum est ens, esse enim est actualitas omnis rei, ut ex superioribus patet. Unde manifestum est quod bonum et ens sunt idem secundum rem, sed bonum dicit rationem appetibilis, quam non dicit ens.« (ST I, q. 5, a. 1 co.)

Sexiest reality ever? – Vielleicht nicht exakt so kanonisierbar, aber wir bleiben dran. – Auf jeden Fall sind Welt und Wirklichkeit der Summa keine wehr- und würdeloses Opfer unserer unbeholfenen Zudringlichkeiten. Vielmehr sollten wir uns von Amors Pfeilen betroffen sehen, sofern wir unsere Deckung runternehmen, uns aufgeschlossen zeigen, und auf Thomas’ Mahnung hören:

Scheuklappen runter, erhebet die Herzen, Augen auf, und dann sollte es heißen:

Ubi oculus, ibi amor.

© 2020 Christoph D. Hoffmann
Bildnachweise
Fra Angelico: Zeno

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